So kann Desinformation, von unten nach oben und von oben nach unten, eine völlig neue Realität schaffen.
Weniger als drei Monate später stürzten die Philippinen in den Abgrund. Der 9. Mai 2022 war der Wahltag, an dem mein Land einen Nachfolger für Duterte wählte. Obwohl es zehn Präsidentschaftskandidaten gab, waren nur zwei von Bedeutung: die Oppositionsführerin und Vizepräsidentin Leni Robredo und Ferdinand Marcos jr., der einzige Sohn und Namensvetter des Diktators Ferdinand Marcos, der 1972 das Kriegsrecht verhängt hatte und fast einundzwanzig Jahre lang an der Macht geblieben war. Der Kleptokrat Marcos wurde beschuldigt, seinem Volk zehn Milliarden Dollar gestohlen zu haben, bevor er schließlich 1986 durch die Volksrevolution gestürzt wurde.
An diesem Abend übernahm Marcos jr. eine frühe souveräne Führung in den Wahlergebnissen und gab diese nicht mehr ab. Nach den auf rappler.com
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verfügbaren Ergebnissen hatte Marcos um 20:37 Uhr, als 46,93 Prozent der Wahlbezirke ausgezählt worden waren, 15,3 Millionen Stimmen im Vergleich zu Robredos 7,3 Millionen erzielt. Um 20:53 Uhr, bei einer Stimmenauszählung von 53,5 Prozent, lag Marcos bei 17,5 Millionen und Robredo bei 8,3 Millionen; um 21:00 Uhr, bei einer Auszählung von 57,76 Prozent, lag Marcos bei 18,98 Millionen und Robredo bei 8,98 Millionen Stimmen.
Das war’s dann wohl, sagte ich mir an jenem Abend. Die Wahl erwies sich als Schaufenster für die Auswirkungen permanenter Desinformationskampagnen in den sozialen Medien, die von 2014 bis 2022 das Vermächtnis und den Familiennamen von Marcos’ Vater reingewaschen hatten, der nun als strahlender Volksheld dastand. Die Desinformationsnetzwerke stammten nicht nur von den Philippinen, sondern umfassten auch globale Netzwerke, wie ein von Facebook 2020 abgeschaltetes Netzwerk aus China,
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das dazu beigetragen hatte, die Geschichte vor unseren Augen umzuschreiben.
Schon in meiner Rede zum Friedensnobelpreis Ende 2021 hatte ich wiederholt erklärt, dass der Wahlsieger nicht nur unsere Zukunft, sondern auch unsere Vergangenheit bestimmen würde. Ohne Fakten sind freie Wahlentscheidungen nicht möglich.
Die Fakten haben verloren. Die Geschichte hat verloren. Marcos hat gewonnen.
Verglichen mit anderen, die untergetaucht, im Exil oder im Gefängnis sind, habe ich Glück. Die einzige Verteidigung, über die ein Journalist verfügt, besteht darin, die Wahrheit ans Licht zu bringen, die Lüge zu entlarven – und das kann ich immer noch tun. Unzählige andere, von denen man nie erfährt, haben weder die Möglichkeit, sich zu äußern, noch werden sie unterstützt. Sie werden verfolgt von Regierungen, die weiterhin ungestraft ihr Unwesen treiben. Ihr Komplize ist die Technologie, die stille nukleare Katastrophe, die sich in unserem Informationsökosystem ereignet hat, und genau wie in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg muss die Welt neue Institutionen und Abkommen schaffen, um uns zu schützen – Institutionen und Abkommen wie Bretton Woods, die NATO, die Vereinten Nationen und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Heute brauchen wir neue globale Institutionen und eine Wiederbelebung der Werte, die uns wichtig sind.
Gegenwärtig stehen wir vor den Trümmern der Welt, wie sie einmal war, und müssen den Weitblick und den Mut aufbringen, uns die kommende Welt so vorzustellen und zu gestalten, wie sie sein sollte: mitfühlender, gerechter, nachhaltiger. Eine Welt, die sicher ist vor Faschisten und Tyrannen.
Dies ist meine Reise dorthin, aber es geht auch um Sie, liebe Leserinnen und Leser.
Demokratie ist fragil. Man muss um jedes bisschen kämpfen, um jedes Gesetz, jeden Schutzmechanismus, jede Institution, jede Geschichte. Man sollte nicht aus den Augen verlieren, wie gefährlich selbst die kleinste Verletzung sein kann. Deshalb sage ich zu uns allen: Wir müssen standhaft bleiben.
Das ist es, was viele Bewohner der westlichen Welt, denen die Demokratie als gegeben erscheint, von uns, von den Philippinen, lernen müssen. Dieses Buch richtet sich an alle, die Demokratie für etwas Selbstverständliches halten, geschrieben von jemandem, der dies niemals tun würde.
Wie Sie denken und handeln, ist wichtig in diesem gegenwärtigen Augenblick der Vergangenheit, in dem die Erinnerung so leicht verändert werden kann. Bitte stellen Sie sich dieselbe Frage, mit der mein Team und ich uns jeden Tag auseinandersetzen: Was sind Sie bereit, für die Wahrheit zu opfern?