In Princeton stellte sich heraus, dass ich mich eher für die Künste als für die Naturwissenschaften interessierte. Ich belegte ein übermäßiges Pensum an Kursen, damit ich all meine Leidenschaften unterbringen konnte: vergleichende Literatur, Shakespeare, Theater, Schauspiel, Dramaturgie, Psychologie, Geschichte. In diesen Fächern lernte ich, mit dem Stress des täglichen Lebens umzugehen und meine eigene Geschichte und Identität zu verstehen. Sie machten mir bewusst, wie sehr ich mein Außenseiterdasein gepflegt hatte, indem ich immer nach Perfektion gestrebt hatte, um das fehlende Zugehörigkeitsgefühl auszugleichen. Außerdem förderten sie meinen Forscherdrang, indem sie mich fragen ließen, warum wir auf diesem Planeten lebten und was ich hier eigentlich tun sollte.
Am meisten lernte ich vom Theater, selbst so einfache Dinge wie das Atmen: sich hinlegen, tief durchatmen, sich vorstellen, wie Luft und Energie ein- und ausströmen, sich im gegenwärtigen Moment zentrieren; den Geist und den Körper zusammenarbeiten lassen, um absolut präsent zu sein. Eine weitere Theaterübung war das sogenannte Spiegeln, bei dem sich zwei Personen gegenüberstehen und die Grenzen zwischen Führen, Folgen und künstlerischem Schaffen ausloten. Solche Übungen mögen simpel erscheinen, aber sie haben sich in einigen der schlimmsten Augenblicke meines Lebens als unglaublich nützlich erwiesen.
In einem dieser Theaterkurse protestierte ich gegen ein aus meiner Sicht unfaires Verhalten und knüpfte damit eine der wichtigsten Beziehungen meines Lebens.
Unter den Ersten, die ich in Princeton kennenlernte, war Leslie Tucker, eine hellhäutige Afroamerikanerin. Groß, hübsch und charmant, schien sie das Gegenteil von mir zu sein. Sie war witzig, eine geborene Geschichtenerzählerin, jemand, der auf natürliche Weise die Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Außerdem war sie schonungslos ehrlich, bisweilen sogar gemein, was die Leute aber nicht beleidigte, sondern irgendwie dazu brachte, mit ihr zu lachen.
In unserem Dramaturgiekurs reichten wir jede Woche Szenen ein, die dann in der Gruppe diskutiert wurden. Leslie konnte stets erhellende Kommentare beisteuern. Ihr bester Freund war der gut aussehende Andrew Jarecki. Die beiden lachten ständig miteinander und machten sich, so stellte ich es mir jedenfalls vor, über andere lustig. Irgendwann gab es eine Phase, in der Leslie ihre Aufgaben nicht mehr erledigte und keine eigenen Szenen einreichte, aber immer noch an den Kritiken teilnahm. Eines Tages hatte ich genug.
Unsere Stühle standen im Kreis, und Leslie übte ihre typische Kritik, die zwar unverblümt war, unsere Professoren aber stets erfreute.
»Entschuldigung«, unterbrach ich sie. »Wir haben noch keine Szene von dir gelesen, Leslie.«
Verblüfftes Schweigen herrschte, auch bei mir. Ich hatte es tatsächlich laut ausgesprochen.
Ich fuhr fort und wandte mich an die Klasse: »Findet ihr nicht auch, dass Leslie ihre Szene abgeben sollte?«
Leslie sah mich verwundert an und bemühte sich um eine Antwort. »Ich bin mir nicht sicher, worauf Maria hier hinauswill …«
Ich unterbrach sie erneut, wobei mir das Herz bis zum Hals schlug. »Das geht jetzt schon ein paar Wochen so. Ist das wirklich fair?« Unser Professor war gezwungen, das Problem anzugehen, und ich empfand eine gewisse Art von Gerechtigkeit.
Nach dem Unterricht fragte mich Leslie, warum ich sie zurechtgewiesen hätte, was eine ganze Reihe von Gesprächen zwischen uns nach sich zog. Leslies leichtes Lachen, ihr lässiger Umgang mit harter Kritik, machte mir Angst. Ihre Schärfe und schonungslose Ehrlichkeit lehrten mich aber auch etwas anderes: dass man sich selbst die schwierigsten Fragen stellen muss, um einen klaren Blick auf die Welt zu bekommen. Leslie ging immer direkt zur Sache, aber ihre Einsichten regten meine eigene Selbstreflexion an.
An jenem Tag im Theaterkurs tat ich nicht nur dasselbe für sie, sondern ich erkannte auch, dass man das Leben voranbringen und etwas Neues bewirken kann, wenn man Grenzen zieht, Ungerechtigkeiten anprangert und ehrlich ist, wenngleich es manchmal unbequem ist.
Leslie herauszufordern und ihren eigenen Ehrlichkeitskodex zu verstehen war nicht nur der Beginn einer meiner wichtigsten Freundschaften, sondern transformierte auch meine Lebenseinstellung. Schweigen oder Nachgiebigkeit änderten nichts. Sich zu äußern war ein Akt der Schöpfung.
Im Dramaturgiekurs lernte ich zudem, bewusster kreativ zu sein, mit Unsicherheiten umzugehen und weiterhin Neues zu erkunden. Ich hatte stets dazu geneigt, negative Emotionen wie Wut zu vermeiden, doch mein Schauspiellehrer drängte mich, in diese Gefühle einzutauchen. Eines Tages, mitten in einer Szene im Unterricht, spürte ich endlich eine explosive Entladung, und all die Wut, die ich unterdrückt hatte, brach hervor. In den nächsten zwei Wochen meines dritten Studienjahres konnte ich meine Wut nicht kontrollieren, die sich immer wieder in seltsamen Schüben äußerte.
Der Versuch, die Gründe dafür zu verstehen, führte mich zurück in die Vergangenheit. Mein Freund drängte mich, Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst von Alice Miller zu lesen. Aus diesem Buch gewann ich eine wichtige Erkenntnis: Es gibt erfolgreiche Menschen, die aufgrund ihrer Kindheitserfahrungen lernen, ihre Gefühle zu unterdrücken, solange ihr Leben von Erfolgen geprägt ist.