Als Studentin der Philosophie werde ich gelegentlich mit dem Vorwurf konfrontiert, Philosophen würden sich nur planlos Gedanken über die Welt machen, ohne abschließende und zufriedenstellende Antworten zu finden. Oft wird behauptet, man bräuchte die Philosophie nicht, um sich mit Fragen wie z.B. der nach dem freien Willen zu beschäftigen. Speziell in der Determinismus-Debatte würden Wissenschaftler aus der Quantenphysik durch empirische Forschung einen viel wichtigeren Beitrag zur Beantwortung des Problems liefern.
Dazu zunächst eine Charakterisierung der Philosophie: Im Unterschied zu Wissenschaften wie der Geschichte, Physik, Soziologie, der Rechtswissenschaft und vieler mehr hat die Philosophie kein klar eingegrenztes Thema, mit dem sie sich beschäftigt. Während die Forschungsgebiete ersterer Disziplinen eindeutig definiert sind – die Arbeit von Historikern überschneidet sich z.B. kaum mit der von Physikern – gibt es in der Philosophie nahezu keine Frage über die Beschaffung der Welt, die sie nicht versucht zu beantworten. Man könnte die Philosophie als eine Disziplin „zweiter Ordnung“ bezeichnen, die untersucht, wie die übrigen Wissenschaften – auch Disziplinen „erster Ordnung“ genannt – die Welt erklären. Beispielsweise würden Vertreter letzterer Kategorie Aussagen wie „Bachs Solosonaten sind schöner als seine Konzerte“ treffen oder die Wasserqualität von Seen untersuchen. Philosophen und Philosophinnen könnten sich dagegen fragen, wie es sich rechtfertigen lässt, ein Werk als ästhetisch wertvoller als ein anderes zu bezeichnen, oder ab dem wievielten Tropfen ein Teich zu einem See wird.
Im Gegensatz zu Disziplinen erster Ordnung schafft die Philosophie kein neues Wissen, sondern Klarheit. Die erlangte Klarheit hat eher intrinsischen Nutzen, also einen Wert um ihrer selbst willen. Wie in der Debatte um Willensfreiheit kann die Arbeit von Philosophen aber auch anderen Disziplinen zugute kommen. Für Juristen beispielsweise ist es wichtig, starke Gründe zur Annahme von Willensfreiheit zu besitzen. Man könnte Menschen schließlich nicht verurteilen, wenn sie keine Verantwortung für ihre Handlungen trügen. Während Forscher aus den Neurowissenschaften, der Psychologie oder der Quantenphysik manchmal vorschnell aus ihren Studien folgern, dass es keine Willensfreiheit gibt, können Philosophen mit ihren eigenen Mitteln im besten Falle auf schlüssigere Antworten verweisen.
Um wieder auf die Frage zurückzukommen, ob man die Philosophie braucht: sie liefert zwar kaum neues Wissen, schafft aber oft Klarheit, an der es anderen Disziplinen gelegentlich fehlt, und ist damit auch recht nützlich.