Von dem jungen Mann, der sich aufgrund der Intervention von Insassen einer sog. Landeserstaufnahmeeinrichtung einer Abschiebehaft entziehen konnte, die eigentlich ab dem Montagmorgen wirksam werden sollte, weiß inzwischen vermutlich jeder - und auch, daß das Thema immer größere Kreise zieht und sicher noch die eine oder andere politische Konsequenz haben wird.
Und bevor hier jemand Zeit und Raum findet, sich über den Landfriedensbrecher und Eindringling zu echauffieren, schreib ich lieber für derartige Artikel gleich eine Art Gegendarstellung. ;o)
Ich bin zunehmend amüsiert bis entsetzt darüber, wie sich die einzelnen Kreise an dem Thema abarbeiten. Ich weiß nicht, ob Alice Weidel schon mal vorher Migranten vorgeworfen hat, den Rechtsstaat mit Füßen zu treten. In weiteren Stellungnahmen ihrer Partei ist von einer unterbesetzten Polizei die Rede, die die Situation sachlich und personell nicht unter Kontrolle habe haben können.
Möglicherweise wäre der AfD ein Blutbad mit deutlich mehr Sachschaden und Bindung sämtlicher Rettungsmittel im Landkreis an einen Ort lieber gewesen? Zu welchen Kosten wäre es dann für ihre Vorstellung eines Rechtsstaates gekommen? Hätten sie sich dann den Vorwurf eines Staatsversagens gespart?
Der ziemlich sicher im Landtagswahlkampf-Modus befindliche neue Innenminister beeilte sich dann, mit ähnlichen Worten um sich zu werfen. Daß er und sein Ziehsohn Markus Söder zunehmend weniger Rückendeckung aus Polizeikreisen bekommen, scheint unwichtig. Die Debatte um die geplanten Ankerzentren läuft - und eine über die Sicherheit und den Einsatz von Bundes- oder Landespolizei auch. Hier ist das letzte Wort sicher noch nicht gesprochen.
Ein bißchen mehr Besonnenheit zeigte meines Erachtens Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der den Vorwurf eines Staatsversagens von sich wies. Als möglicherweise einzige CDU-Prominenz hat der Ministerpräsident Schleswig-Holsteins den Mut gehabt, zuzugeben, daß Abschiebungen auch die falschen treffen könnten und ein vielschichtiges politisches Thema sind.
Im übrigen wurde der verteidigte Schwarzafrikaner 4 Tage später, letzten Donnerstag in der besagten Einrichtung angetroffen und in Gewahrsam genommen, ebenso viele der an der Intervention beteiligten Insassen. Die Ermittlungen wegen im Zuge der Festsetzung entdeckter Straftaten laufen. Man könnte also davon absehen, aus dem Vorfall Wahlkampfmaterial zu machen.
Ich fürchte nur, daß es anders kommen wird. Die Vorstellung, die eingewanderten Flüchtlinge seien Menschen 2. Klasse, ist in zu vielen Köpfen heimisch geworden. Die Wahrscheinlichkeit, daß die geplanten Ankerzentren das Problem nicht lösen, weil sich an der Art der Bearbeitung der Anträge (und der Möglichkeit für Spätabschiebungen) nichts ändert, ist groß.