Es war die Zeit, als die bulimische Sabine Christiansen ihre missgebildete Nase in die Kamera hielt; die Zeit, als man die INSM-Multiplikatoren noch nicht kannte. Heute spricht man von Lügenpresse, obwohl es passendere Begriffe gibt.
Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), ein mit Gleitcreme eingeriebener Name für neoliberalen Marktextremismus, wütete in den Medien wie Herpes. Der Think Tank stellte sich so genannte Multiplikatoren ein, die toxisch-neoliberales Gedankengut in den TV-Debattierclubs als Maulhuren bzw. Mietmäuler bei ARD und ZDF sowie in den Printmedien erbrachen. Das waren Leute wie Friedrich Merz, Oswald Metzger, Hans Olaf Henkel, Arnulf Baring, Paul Kirchhof, Silvana Koch-Mehrin und viele andere dissoziale Persönlichkeiten. Gab es ein Thema, das der INSM und somit dem Arbeitgeberverband Gesamtmetall am Herzen lag, drückte man ihnen ein paar Scheine in die Hand und schon hockten sie im Studio bei Christiansen und Illner, um ihre ideologischen Kotballen abzuwerfen.
Ist es nicht interessant wie damals noch im Fernsehen berichtet wurde? Nun, das haben sie mittlerweile in den Griff bekommen.
Wie Günter Frech herausfand, fiel der Sender Phoenix für eine Stunde gänzlich der INSM zum Opfer, weshalb er den Unverantwortlichen einen frechen Brief schrieb:
Sehr geehrte Damen und Herren,
heute (30.11.04) sendeten sie zwischen 15.00 und 16.00 Uhr die
Preisverleihung „Reformer des Jahres“ der so genannten „Initiative Neue
Soziale Marktwirtschaft“ (INSM). Vielleicht ist es ihnen entgangen: es
handelt sich hier um eine PR-Kampagne des Arbeitgeberverbandes
Gesamtmetall. Diesen wichtigen Hinweis habe ich bei ihrer Ausstrahlung
vermisst. Ich finde es bedauerlich und ärgerlich, dass ein Sender des
öffentlich-rechtlichen Rundfunks einer privatwirtschaftlichen PR-
Einrichtung unkommentiert Sendezeit zur Verfügung stellt. Sie haben alle
journalistischen Regeln missachtet. Damit sich dieses nicht wiederholt,
lasse ich sie an meinem Wissen teilhaben und stelle ihnen eine Liste mit
Veröffentlichungen über die INSM zur Verfügung. [1]
Natürlich hat kein Zuschauer geahnt, dass er heftigst über den Löffel barbiert respektive – manipuliert werden sollte. Während unsereins bereits lange im Netz die freie Rede erprobte, bemerkten die TV-Sesselpupser daheim nichts davon. Die INSM griff allerdings zu noch interessanteren Methoden.
Marienhof muss wohl eine Seifenoper gewesen sein. Jeder, der etwas auf sich hielt, machte einen großen Bogen um solche Sendungen. Man erreichte somit genau das richtige, leicht manipulierbare Publikum.
Eines schönen Tages beschlossen die INSM-Kuratoren (ein Euphemismus für Rädelsführer), dass diese Seifenopfer genau die richtige sei, um verdeckt in die Medienlandschaft – abzuwerfen. Man nahm Kontakt mit den Drehbuchautoren auf, hielt ihnen ein schmales Bündel Geld unter die Nase, und verlangte als Gegenleistung marktextremistische Ideologie in die belanglosen Dialoge einfließen zu lassen.
Im September 2005 wurde bekannt, dass die Arbeitgeber-Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) im Jahr 2002 für 58 670 Euro in sieben Folgen der ARD-Serie Marienhof ihre Botschaften platzieren ließ. In einer Stellungnahme, die die INSM LobbyControl am 22. September zur Verfügung stellte, erklärt die INSM, diese Kooperation sei ein Fehler gewesen. Zugleich verteidigt sie jedoch ihre Inhalte: [2]
Ein Beispiel aus der selben Quelle für die manipulierten Dialoge:
Thema 1: Zeitarbeit
Kontext: Jenny Busch ist eine allein erziehende Mutter mit zwei Kindern. Sie sucht nach der Aufgabe ihres Blumenfachgeschäfts eine neue Stelle.
Folge 1936 (20.6.2002)
Jenny: „Mit ein bisschen Eigeninitiative werde ich schon irgendetwas finden! Wenn man was wirklich will, dann klappt das schon, früher oder später."
Folge 1938 (24.6.2002)
[Jenny:] „Ich habe einen Job!"
Matthias: „Bei dieser Zeitarbeitsfirma?"
Jenny: „Nicht nur einen Job! Eine richtig feste Anstellung, Schwerpunkt Verkauf und Akquise! Und das beste ist, völlig flexible Arbeitszeiten und wenn ich mal nicht kann, wegen der Kinder oder so, dann schicken die einfach einen Kollegen und die Kernarbeitszeit kann ich auch selbst bestimmen! Ich bin sozialversichert, kriege Urlaubsgeld und ein 13.
Monatsgehalt. Und durch die unterschiedlichen Einsätze ist Abwechslung garantiert!“
Folge 1974 (19.8.2002)
Herr Fechner widmet sich Jenny: So hier ist die aktualisierte Kundenliste und dann wäre ich ihnen sehr verbunden, wenn sie heute Abend ein zwei Stündchen dranhängen könnten. Durch einen Konkurs ist mir ein sehr günstiger Posten Damenwäsche zugegangen, der sofort gelistet werden muss!"
Jenny: „Ein, zwei Stündchen! Herr Fechner ich habe Kinder zu Hause!"
Fechner: „Und wie man hört einen Freund, der ihnen und ihren Kindern zuliebe, seine Praxis auch mal pünktlich schießen kann, hmm?!"
Jenny: „Meine Beziehung zu Dr. Berger ist meine Privatsache und über seine Zeit zu verfügen, dass steht ihnen nicht zu Herr Fechner!"
Fechner: Schade Frau Deile! Wenn sie immer nur Dienst nach Vorschrift schieben, dann werden sie es nie weit bringen! Und das ausgerechnet jetzt, wo ich mir überlege, sie von der Zeitarbeiteisfirma in eine Festanstellung zu übernehmen!"
Jenny: Das freut mich ja auch Herr Fechner, aber ob das heute Abend schon geht? Ich werde es versuchen!"
Ja, ja, so geht das! Herr Fechner hat Jenny neoliberal ausbeutend flachgelegt. Der ganze Vorgang wurde dem Zuschauer als Strategie vermittelt. Aktuell verkleidet das ZDF selbst, also ganz ohne INSM, die manipulierende Propaganda in aufwendiger produzierten Schinken:
Es gibt noch viele andere INSM-Skandale. Und die INSM ist nur ein Think Tank von vielen. Heute darf man sicher sein, dass buchstäblich alles in den Medien von den Interessen der großen Gangster verseucht ist. Auch wenn es mancher Demonstrant glauben mag, wenn er den Satz „Lügenpresse halt die Fresse!“ skandiert, wir haben es nicht mit einem neuen Phänomen, sondern mit einer mittlerweile vollständigen Verfaulung zu tun, die Jahre zurück reicht.
[1] http://www.nachdenkseiten.de/?p=412&output=pdf
[2] https://www.lobbycontrol.de/download/insm-marienhof-bewertung.pdf