In den Medien ist seit Monaten gebetsmühlenartig zu lesen, wie brutal die Regierung von Myanmar unter Führung der derzeitigen Regierungschefin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi die armen Rohingya unterdrückt. Die Medienmaschine läuft wie geschmiert, es erinnert ein bisschen an die Anti-Assad Propaganda in Syrien. Schauen wir mal, was wirklich Sache ist.
Burma
Birma oder Burma (dieser Name wird übrigens von Aung San Suu Kyi bevorzugt), das seit 1824 britisch besetzt war (mit einem japanischen verheerenden Intermezzo im 2. Weltkrieg), wurde 1948 unabhängig, ist aber seither nie wirklich zur Ruhe gekommen aufgrund ständiger Aufstände von Minderheiten und deren Unterdrückung durch wechselnde Militärdiktaturen. Erst im Jahr 2007, nach Massenprotesten durch von UN-Sanktionen bedingten Treibstoffpreisanstiegen, kam es zu Zugeständnissen der Militärjunta, 2008 zu einer Verfassungsreform, ersten freien Wahlen 2010 (noch boykottiert von der Opposition) und seit 2012 schließlich ist eine demokratische Partei (die NLD, deren Vorsitzende seit ihrer Gründung Aung San Suu Kyi ist) in Regierungsverantwortung. 2012 wurden auch die Zensurregelungen gelockert und seit 2013 gibt es private Zeitungen.
Burma ist ein Vielvölkerstaat mit rund 51,5 Mio Einwohnern (Stand 2014), 135 verschiedenen anerkannten Ethnien und einem Bevölkerungswachstum von 0,9% (zum Vergleich Deutschland -0,2%, Südkorea 0,5%, Syrien 7,9%, Bangladesch 1%).
Die Bevölkerungsdichte ist 76 Ew/km2 (zum Vergleich Deutschland 227, Südkorea 487, Syrien 118, Bangladesch 1118!), die durchschnittliche Lebenserwartung 65,6J (zum Vergleich Deutschland 80,3J, Südkorea 79,5, Syrien 75,1, Bangladesch 70,4).
Größte Stadt ist Yangon (besser als Rangun bekannt) mit ca. 5 Mio Einwohnern. Hauptreligion ist der Buddhismus (87,2%), gefolgt von Christentum (5,6%) und Islam (3,6%).
Volksgruppen
Die Birmanen sind die größte Ethnie mit 70% Bevölkerungsanteil und hauptsächlich buddhistisch.
Die Shan, ebenfalls meist buddhistisch, sind die zweitgrößte Volksgruppe (8,5%) und somit die größte Minderheit im Land, gefolgt von den überwiegend christlichen Karen (6,2%).
Danach kommen die buddhistischen Mon (2,4%), deren reiche Kultur im 18. Jahrhundert von den Burmesen fast vollständig zerstört wurde.
Die Anzahl an ebenfalls buddhistischen Arakanesen ist nicht genau bekannt (ca. 2-4%).
Ferner gibt es auch Han (1-2%, die Han sind bekanntlich die größte Volksgruppe weltweit mit 1,3 Mrd!) und Inder (1%).
Die Rohingya
So weit so gut, die wirklichen Probleme fangen aber erst mit der einzigen muslimischen Minderheit an, den Rohingya, von denen rund 1 Mio in Burma leben (2%), in der an Bangladesch angrenzenden Provinz Rakhaing im Westen (dort stellen sie rund 40% der Bevölkerung). Sie sind keine der 135 anerkannten Ethnien und daher sind ihre Bürgerrechte stark eingeschränkt. Wieso ist das so, wo sie doch schon seit dem 12.Jahrhundert im heutigen Burma ansässig sind? Offenbar gab es vorher nur eine kleine Anzahl (wenn überhaupt – es scheint hier keinen Konsens zu geben), doch während der britischen Kolonialzeit wurden viele muslimische Hilfsarbeiter von Indien und dem heutigen Bangladesch kommend in Westburma angesiedelt, um das Land auszubeuten, was für das Empire bloß als interne Migration galt (Burma war eine Art Ostindien für die Briten). Der Einfluss dieser Kolonialmigration wird von den Rohingya-Aktivisten heruntergespielt, und stattdessen eine alte muslimische Besiedelung behauptet, die aber historisch nicht haltbar ist. Nach der Unabhängigkeit 1948 wurde jedenfalls von den Burmesen diese Arbeiteransiedelungen als illegal angesehen und aufgrund dessen wurde der Mehrheit dieser Menschen keine burmesische Staatsbürgerschaft verliehen (nur Familien, die schon seit 2 Generationen in Burma gelebt hatten). Bis heute können daher die meisten Rohingya nicht wählen, reisen oder studieren, was deren Lage noch weiter verschlimmerte. Zudem kam es immer wieder zu Vertreibungen und Schikanierungen.
Der Begriff Rohingya ist im Gegensatz zu dem aller anderen Voksgruppen nicht historisch geläufig, sondern festigte sich erst in den 1990er Jahren - er diente als „Sammelbegriff für diverse Gruppen von Aufständischen, die für die Errichtung eines unabhängigen muslimischen Staates an den Grenzen zu Bangladesch in Westburma kämpften”. Erst nach 2012 fingen Rohingya-Aktivisten an, andere Muslime zu drängen, sich selbst als Rohingya zu bezeichnen. Staatliche Stellen in Burma lehnen die Bezeichnung Rohingya daher ab und sprechen stattdessen von Bengalis (“die aus Bangladesch”). Die Rohingya-Aktivisten fordern ein eigenes Gebiet in Rakhaing, da sie nicht unter einer buddhistischen Regierung leben wollen. Daher ist die Ablehnung der burmesischen Behörden verständlich. Was würden wohl die Amerikaner sagen, wenn Gruppen von Mexikanern sich zusammentun und einen Teil Floridas für sich beanspruchen würden? Jedenfalls ist nicht genau klar, wer aller unter Rohingya zu verstehen sind und vermutlich ist nicht jeder, der sich als solcher bezeichnet auch einer, sondern Rohingya dient zunehmend als Kampfbegriff im Kampf um die öffentliche Meinung. Auch ist ihre Sprache dem Begali nahestehend und daher indoeuropäisch und nicht mit dem Burmesichen verwandt, das zu den sinotibetischen Sprachen gehört.
Im Mai 2013 ordnete die Regierung an, dass die Rohingya in Rakhaing nicht mehr als zwei Kinder haben dürfen, da ihre nach Angaben der Regierung zehnmal so hohe Geburtenrate die buddhistische Mehrheit in eine Minderheit verwandeln könne (das ist keinesfalls unwahrscheinlich, wenngleich "zehnfach" übertrieben ist, laut dieser Quelle, Seite 5, hat eine muslimische Frau in Rakhaing 4-5 Kinder, eine buddhistische 2-3). Dem gleichen Ziel diente das Verbot der Polygamie für die Muslime in den an Bangladesch angrenzenden Ortschaften Buthidaung und Maundaw. Über die Jahre formte sich ein gewaltsamer Widerstand von islamistischen Rohingya gegen die Regierung und Behördenvertreter.
Eskalation
Die Lage eskalierte, als im Okt. 2016 terroristische Rohingya 9 Polizisten töteten. Es kam zu einem großflächigen Militäreinsatz in Rohingya-Siedlungen, der zu etlichen Todesopfern bei den Rohingya führte und auch zu Menschenrechtsverletzungen beziehungsweise zivilen Opfern (Terroristen haben immer schon Opfer in der eigenen Bevölkerung in Kauf genommen). Ab hier wird es sehr unüberschaubar, denn beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig, Falschmeldungen zu verbreiten. Fakt ist, dass es Gewalt auf beiden Seiten gab und gibt, und am 25. August 2017 nach Angriffen von Rohingya auf mehrere Polizeiposten und Militärbasen mit 71 Todesopfern erneute burmesische Militäroperationen die Antwort war. Das setzte weitere Flüchtlingsströme zunächst nach Bangladesch nach sich, angeblich mehrere Hunderttausende, wobei teilweise Bangladesch, das bereits Lager mit über 800.000 meist unregistrierten Rohingya unterhält) die Grenze dichtgemacht hat und Flüchtlinge im Niemandsland zwischen Bangladesch und Burma strandeten. Auf dieser Karte sieht man, wohin sie weitergewandert sind.
Von den Vereinten Nationen werden die Rohingya als eine der am stärksten verfolgten Minderheiten der Welt bezeichnet und der Regierungsvorsitzenden Aung San Suu Kyi wird vorgeworfen, sich nicht ausreichend um die Lage der Rohingya zu kümmern. (Die gleichgeschalteten westlichen Medien sehen die Rohingya als arme Opfer (siehe das marketingmäßig aufbereite Titelbild), und sehen nicht die historische Perspektive und schon gar nicht, dass ein Land auch ein Recht auf Beibehaltung seiner eigenen, jahrhundertealten Kultur für sich in Anspruch nimmt. Dass ein Land, eine Kultur auf fordernde Migration anders reagieren könnte als mit kriecherischer Anbiederung, ist für westliche Beobachter (bzw. gesteuerte Marionetten) nicht einmal denkmöglich.)
”Fragen zur Lage der Rohingya beantwortet sie ausweichend. Hierfür werden taktische Gründe angenommen, nicht ihre überwiegend buddhistischen Anhänger verärgern zu wollen.”
Was hier (in wikipedia) als “taktische Gründe” pejorisiert wird, ist nichts anderes als die Tatsache, dass Aung San Suu Kyi primär ihrem eigenen Volk verpflichtet ist, das sie gewählt hat, nichts anderes. Sie hat die Pflicht, dafür zu sorgen, dass sich Moslems nicht breit machen und Gebietsansprüche stellen, wie in so vielen anderen Ländern und als eine der wenigen schafft sie es derzeit noch, diese Politik fortzuführen. Dabei helfen ihr vier Dinge: der starke Einfluss des Militärs, das sie gar nicht zur Änderung der harten Haltung zwingen könnte (selbst wenn sie es wollte), ihre guten Beziehungen zu China (wie lebensrettend gute Beziehungen zu einem starken Partner sein können, kann der syrische Präsident Assad sicher bestätigen), ihr extrem hoher Rückhalt in der Bevölkerung (die überwiegend rohingyafeindlich eingestellt ist) und international ihr großer Bonus als Friedensnobelpreisträgerin.
Hintergründe
Ein “Regimechange” à la CIA scheint also in nächster Zeit nicht wahrscheinlich. Zwar gibt es im Land wenig Erdöl (Burma förderte im Jahr 2015 weniger Erdöl als Österreich) aber es existiert eine Gas-Pipeline, die den burmesischen Hafen von Kyaukphyu mit der chinesischen Stadt Kunming verbindet. China ist ein großer Investor in Burma, es hat dort neben den Pipelines auch andere Infrastrukturprojekte finanziert und sich dadurch Zugang zum Indischen Ozean gesichert, was so gar nicht im Sinne der geostrategischen Interessen der USA ist (die nicht dulden wollen, dass China seinen Einfluss erweitert). Die Frage ist, wie lange Burma dem internationalen Druck noch wird standhalten können. Die USA drohen schon mit Sanktionen, aber die werden in der straff organisierten Verwaltung, die gute Beziehungen zu China unterhält, nicht viel ausrichten. Gerade die USA, die selbst Einreiseverbote für Moslems verfügt hat, will ein Land bestrafen, das Moslems bekämpft, die versuchen, auf ihrem Gebiet einen islamistischen Staat zu errichten? Heuchlerischer geht es wohl nicht mehr. Aber dafür gibt es ja Stellvertreter. Damit komme ich zur letzten Frage, woher die Rohingya die Waffen beziehen, um gegen das starke burmesische Militär aufzubegehren. Thierry Meyssan dazu: “Die burmesischen Dschihadisten werden von der Nato bewaffnet. Sie werden in Trainingslagern in Saudi Arabien und im Bangladesch ausgebildet. Im August letzten Jahres wurden sie mindestens auf 5000 Mann geschätzt.” Das Interesse der Dschihadisten, die in Syrien auf der ganzen Linie verloren haben, scheint sich offenbar nun auf Burma fokussiert zu haben.
Fazit
Von den Briten illegalerweise angesiedelte Moslems verbreiten sich in einem buddhistischen Land, das auf seiner eigenen Kultur beharrt und nicht das Gleiche erdulden will, was vielen anderen Ländern mit muslimischen Minderheiten passierte und passiert. Wenn diese Aufständischen dann noch insgeheim von internationalen Dschihadisten unterstützt werden, muss das zu einem gewaltigen Konflikt führen. Die Waffenproduzenten freut es – wieder einmal.
“I am just a politician. I am not quite like Margaret Thatcher, no. But on the other hand, I am no Mother Teresa, either.”– Aung San Suu Kyi
Ich bin übrigens kein Asienexperte und wer Fehler in der Darstellung findet, kann gern ein Kommentar hinterlassen!
Referenzen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Myanmar
https://de.wikipedia.org/wiki/Rohingya
http://www.laenderdaten.de/bevoelkerung/bevoelkerungswachstum.aspx
https://simple.wikipedia.org/wiki/List_of_countries_by_population_density
http://www.laenderdaten.de/bevoelkerung/lebenserwartung.aspx
http://www.aljazeera.com/indepth/features/2017/08/rohingya-muslims-170831065142812.html
https://ash.harvard.edu/files/a_fatal_distraction_from_federalism_religious_conflict_in_rakhine_10-20-2014_rev_6-26-15.pdf
https://de.wikipedia.org/wiki/Aung_San_Suu_Kyi
http://world.bymap.org/OilProduction.html
http://www.voltairenet.org/article198163.html
https://en.wikipedia.org/wiki/Sino-Myanmar_pipelines
http://www.voltairenet.org/article197797.html