Seit ich offen mit meiner Transidentität umgehe, wird mir sehr oft die Frage nach meiner Sexualität gestellt.
Stört mich überhaupt nicht und ich kann die Verbindung auch nachvollziehen, ergibt in meiner Wahrnehmung aber wenig Sinn. Für mich besteht da einfach kein Zusammenhang.
Die Hausärztin meiner Mutter, war früher auch meine und kennt mich, seit ich klein bin. Als meine Mutter ihr von meinem Weg berichtete, sagte sie ganz erstaunt.
»Aber Rachel war doch nie lesbisch.«
Die einen sind entweder sehr erstaunt darüber, dass ich 9 Jahre in einer Beziehung zu einen Mann lebte, wohlgemerkt eine ganz wunderbare Beziehung! Während andere davon ausgehen, dass ich auch weiterhin meine Sexualität mit Männern leben werde.
Dass ich im Grunde nie eine Sexualität gelebt habe und man mich vermutlich als asexuell bezeichnen müsste, ist für die wenigsten eine Option. Dabei ist es naheliegend. Wie soll man Sex genießen, wenn man seinen eigenen Körper so sehr ablehnt, dass man beinahe von Hass sprechen müsste?
Wenn man mich fragt, was bin ich denn nun, keine Ahnung. Die Frage hat sich für mich nie wirklich gestellt. Weder fand ich andere Menschen sexuell besonders anziehend noch mich selber sexuell attraktiv. Klar gibt es schöne Menschen, die schöne Körper haben, aber mit denen will ich kein Techtelmechtel ausleben. Ich find sie einfach gutaussehend und Ende. Sowohl Männer als auch Frauen.
Mir war immer klar, ich möchte eine Familie gründen und dazu, das wusste damals jeder, brauchst du einen Partner des anderen Geschlechtes. Also begab ich mich quasi auf die Suche und erstellte eine Liste, was mein Partner so für ein Mensch sein muss, damit ich mit ihm mein Leben verbringen möchte.
Und dann traf ich meinen Mann. Da war die Sache klar, das passte damals wie Arsch auf Eimer. Wir waren 9 Jahre sehr glücklich miteinander ohne Sex. Ja stellt euch vor, das geht. Man kann sich lieben, schätzen und eine erfüllte Beziehung führen, ohne den Austausch von Körperflüssigkeiten und so... Liebe kann viele Facetten haben und wir waren ein unglaublich gutes Team, die besten Freunde und konnten uns 100% aufeinander verlassen.
Jetzt will ich weder Sex noch eine Beziehung. Ich fühle mich so absolut bedient vom Leben, erfüllt und glücklich. Ich werde geliebt, habe tolle Freunde, muss mich mit niemandem absprechen, mich nicht an die Bedürfnisse eines Anderen anpassen. Es besteht genau null Verlangen, auf diese sexuelle intime Art eine Bindung einzugehen, weder mit einem Mann noch mit einer Frau.
Allerdings denke ich, wenn ich in ein zwei oder drei Jahren wieder eine Beziehung eingehen wollen sollte, wäre das ziemlich sicher eine Frau. Ich empfinde mich als heterosexueller Mensch. Als Frau also mit Männern, als Mann mit Frauen.
Transgender zu sein, hat nichts mit der Sexualität zu tun. Es gibt da alle Varianten.
Z.B gibt es einen Schweizer Arzt, der als Frau geboren wurde. Als Frau war er lesbisch. Er ging also davon aus, dass er nach der Angleichung als heterosexuell angesehen würde. (War er dann als Transmann im weiblichen Körper lesbisch oder hetero? Zählt da die Seele oder der Körper?)
Als er dann aber durch war mit der Angleichung, verliebte er sich in einen Mann. Inzwischen hat er diesen Mann geheiratet und scheint sehr glücklich damit. Er war also vorher homosexuell und nachher auch.
Dann gibts halt auch Fälle, die standen vor der Angleichung zum Mann auf Frauen und danach immer noch. Sie empfinden sich schon ihr ganzes Leben lang als hetero, auch wenn ihr Umfeld sie lange als lesbisch deklariert hat.
Ihr seht, die Frage ist nur relativ sinnbehaftet und nicht wirklich einfach zu beantworten.
Ist Sexualtität überhaupt etwas, was wir so definieren müssen und warum, ist dass für viele Menschen so wichtig?
Diese Thematik funkte mir im Leben sehr oft dazwischen. Ich suchte immer Jungs als Freunde, ich wollte einen Buddy. Und jedes Mal wenn ich einen Jungen/Mann fand, mit dem ich richtig gut konnte und viel machte, mit dem es einfach passte. Kam irgendwann die frag, sind wir ein Paar? Es scheint in unserer Gesellschaft nicht wirklich vorstellbar, dass Männer und Frauen einfach beste Kumpels sein können, wenn man so eng miteinander ist, muss es eine sexuelle Beziehung sein. Meistens hatte ich das Glück, dass sich die Sache klären konnte und die Jungs sind noch heute gute Freunde von mir.
Habt ihr euch schonmal Gedanken dazu gemacht?
Die sexuellen Normen scheinen ja immer mehr aufzuweichen wenn man jungen Leuten auf Youtube so zuhört. Asexuell, pansexuell, bisexuell, homosexuell, heterosexuell und garantiert gibts da noch mehr.
Was denkt ihr, brauchen wir wirklich eine Definition dafür, werdet ihr oft gefragt, welche Sexualität ihr auslebt und bestimmt die Seele oder der Körper, welcher Orientierung man angehört?