Ich habe länger überlegt, ob ich euch an dem Prozess teilhaben lassen kann und habe mich entscheiden, euch auch hier mitzunehmen. Denn, ich habe sehr viel dadurch gelernt und vielleicht, helfen meine Erfahrungen ja jemandem von euch.
Wie einige schon wissen, starb vor 15 Jahren meine Tante an Lungenkrebs.
Ich habe sie sehr geliebt, sie war der wichtigste Mensch in meinem Leben und mit ihr, starb auch ein Teil von mir.
Meine Familie geriet mit diesem Schicksalsschlag komplett aus den Fugen und ich bekam dadurch mit 17 Jahren nicht die Hilfe, die ich gebraucht hätte, um diesen Schock zu verarbeiten. Der Verlust zerriss mich beinahe und um zu überleben, schloss ich all den Schmerz, die Wut, Trauer und Angst sehr weit weg und wir alle vergaßen. Wir taten einfach so, als hätte es sie nie gegeben, sprachen kein Wort über sie, ihren Tod oder was es mit uns machte und so vergingen die Jahre.
Immer wieder klopfte der Schmerz an meine Türe und immer wieder schickte ich ihn fort. Mir war klar, dass ich nicht die Kraft hatte, dieses Trauma aufzuarbeiten. So vergingen die Jahre und ich schleppte diese Sache hinter mir her, ohne das sich etwas verändert hätte.
Vor einigen Monaten beschloss ich, nicht mehr dicht zu machen, wenn der Schmerz wieder anklopft, sondern mich ihm zu stellen. Ich wollte endlich damit anfangen, diesen Verlust aufzuarbeiten. Ich begann, mit Menschen meines Vertrauens darüber zu sprechen. Ich ließ zu, dass alles hochkam und mein Herz sich anfühlte, als würde es zerspringen. Ich ließ Beziehungen in mein Leben, die mir so nahe kamen, dass meine Verlustangst griff, und lief nicht mehr weg.
Schritt für Schritt stellte ich mich dem Schmerz, der Angst, der Wut und der Trauer und ließ alles zu.
Die Chirurgin bei der ich die Brustangleichung haben werde, hat ihre Praxis in derselben Stadt, in der meine Tante damals lebte. Ich verbinde jeden Winkel dieses Ortes mit ihr, nur mit ihr. Und seit 15 Jahren meide ich Zürich wie die Pest.
Das erste Mal war es sehr unangenehm. Ich fühlte so eine Enge in mir, einen Druck wie in einem Dampfkessel und ohne genau sagen zu können warum, hätte ich auf der Stelle losheulen können, als ich den Bahnhof betrat.
Ich beschloss, mit jedem Termin Zeit mitzubringen, um Zürich erneut zu fühlen. Letztes Mal, fuhr ich mit der Sbahn zu der Wohnung, in der meine Tante die Jahre vor dem Krebs lebte. Mir war nicht klar, was es mit mir machen würde und ob ich die Wohnung überhaupt finden könnte. Immerhin war ich seit 15 Jahren nicht mehr in der Gegend und kannte ihre Adresse nicht. Es nieselte leicht und war schwül. Als ich die Bahn verließ, war er sofort da. Mein guter alter Freund, der Schmerz. Er umklammerte meine Brust, meine Arme zitterten und Tränen stiegen mir in die Augen. Doch wild entschlossen, mich dem zu stellen, trat ich auf den Bahnhofsplatz hinaus. Wo lang? Ich hatte keine Ahnung, doch meine Erinnerungen sagten mir, nach rechts. Ich sah uns beide da lang gehen, die Sonne schien und ich trug meinen Cousin in der Babytrage vorne an der Brust. Ich war 14 Jahre alt und fühlte mich so sicher und geborgen, weil sie bei mir war. Ich ging, begleitet von tausend Momenten und mein Herz war schwer.
Als ich den Kreisel erreichte, hielt ich einen Moment inne und wischte mir die Tränen aus den Augen. Sie fehlt mir so sehr und das Gefühl, so unendlich viel verloren zu haben, holte mich ein. Wie sollte ich damit jemals klar kommen? Wie könnte das je in Ordnung sein?
Doch auch hier, ließ ich mich nicht beirren und ging weiter. Den Weg an der Kreuzung links, da wo dieser Baum in den Gehweg hinein ragt. Ich erinnerte mich an tausend Male, an denen wir hier lang gingen. Die Sonnenstrahlen in ihrem Haar, das Herbstlaub auf dem Boden, all die kleinen und großen Momente. Es stimmt, was man sagt, als Erstes vergisst man die Stimme. Doch obwohl ich nicht mehr weiss, wie genau sie klang, konnte ich sie hören, riechen und fühlen.
Auf einmal passierte etwas in mir. Alles wich und machte einem Lächeln platz. Der Schmerz wurde ganz leise und ein Gefühl der Dankbarkeit nahm seinen Raum ein, breitete sich aus und erfüllte mich.
Ich lächelte, während mir gleichzeitig die Tränen übers Gesicht rannen (gut war außer mir niemand da) und ich genoss die Bilder, die mein Bewusstsein streiften, all die Gefühle und war so unendlich dankbar.
Was für ein Geschenk des Lebens an mich, dass dieser Mensch mich 17 Jahre begleitet hatte. In diesem Moment war ich ihr ganz nah. Ich spürte sie beinahe neben mir, ihre Hand an meinem Arm, ihr Lachen, ihre Stärke und ihre bedingungslose Liebe für mich. Als ich das Wohnhaus erreichte, hatte sich etwas grundlegendes in mir verändert.
Der Verlust war noch genauso real, wie zuvor aber viel wichtiger war, dass was ihr Leben mir gegeben hat. Ich spürte eine große Kraft, die meine Seele zurück ins Leben zog und ich fühlte, das Nicole niemals gewollte hätte, dass ich so leide.
Irgendwie war ich für einen Moment mit ihr verbunden, ihr so nah und ich spürte, wie mein Schmerz ihr weh tat. Ich begriff, wie sehr sie unter meinem Leid leiden würde und ich fühlte, wie sie mir 100 mal eine Strähne aus der Stirn schob und hörte sie sagen, »dass einzige was ich von dir erwarte, Rachel ist, dass du dafür sorgst, dass du glücklich bist.« Und obwohl niemand da war flüsterte ich leise, »es tut mir so leid, bitte verzeih mir.«
Dieser Moment war ganz intim, ganz nah, ganz intensiv und voller Leben.
Zum ersten Mal seit 15 Jahren begriff ich, es war in Ordnung. Zum Leben gehört der Tod unweigerlich dazu und etwas in mir, hörte auf zu kämpfen und nahm die Wahrheit einfach an. Nicole ist gestorben, vor 15 Jahren doch ich lebe weiter. Sie wollte immer nur, dass ich glücklich, frei und selbstbestimmt lebe. Sie wollte mich in meiner Kraft und meiner wahren Größe sehen und forderte mich jeden Tag aufs Neue dazu auf, mein Schicksal in die Hand zu nehmen.
Ich ging, mit einem Lächeln und dem Regen zum trotz, mit der Sonne im Herzen. Dankbar für jede Sekunde, die wir gemeinsam hatten. Dankbar für all das Glück, den Schmerz und die Freiheit. Dankbar für den Moment und ich spürte, wie etwas losließ.
Ohne Scheiß, ich sah und fühlte, wie sie mich anlächelte, voller Liebe in ihren Augen und ich hörte sie sagen,