Guten Abend allerseits oder besser: Bonsoir tout le monde! Doch wieso ist das jetzt besser, fragt ihr euch? 📚📖
Ich will es euch verraten! Winterzeit ist Märchenzeit, zumindest für mich. Spätestens seit einem lehrreichen und interessanten Seminar im Laufe meines Studiums habe ich ein Faible für Märchen. Daher habe ich mir für die kommenden Wochen bis zum Weihnachtsfest etwas Besonderes überlegt: Ich werde den Deutsch-Dienstag nutzen, um euch anhand eines bestimmten Märchens auf eine Reise durch die Zeit, die Sprachen sowie ihre Kulturen mitzunehmen. Mehr verrate ich nicht, seid neugierig und lest selbst!
Einleitung
Es gibt viele Möglichkeiten, jemandem etwas zu erzählen. Eine der wohl ältesten und traditionsreichsten Möglichkeiten ist das Märchen. Ursprünglich lebten Märchen von ihrer mündlichen Weitergabe. Und so kam es, dass oftmals sehr verschiedene Versionen derselben Geschichte entstanden.
Ein Beispiel dafür ist das Märchen vom Rotkäppchen. Es ist sowohl innerhalb Deutschlands, als auch in anderen Ländern bekannt, so haben zum Beispiel auch Frankreich und Marokko eigene Varianten. Um dem Vergessen vorzubeugen, haben Schriftsteller im Laufe der Zeit immer wieder die mündlichen Überlieferungen aufgezeichnet. Unter ihnen waren auch Charles Perrault, die Gebrüder Grimm und Tahar Ben Jelloun, welche alle stellvertretend für ihre Epochen und Kulturen stehen. Ihre Versionen des Rotkäppchens sind es, die ich euch in den kommenden Wochen vorstellen möchte, samt ihrer Eigenheiten und Unterschiede.
Die Version von Charles Perrault – Frankreich
Der erste unserer kleinen Reihe ist Charles Perrault, dessen Le petit chaperon rouge Ende des 17. Jahrhunderts in Frankreich erschien. Um die Bedeutung der Erzählung vollumfänglich zu verstehen, solltet ihr den historischen Kontext jener Zeit kennen. Denn es war so, dass Mädchen und Frauen im Frankreich des 17. Jahrhunderts auf den Haushalt und die Ehe konzentriert leben sollten, da die Erlangung des Ehestandes sowie das Führen eines Haushaltes ihr höchstes Lebensziel darstellte – oder zumindest wünschte man es so. Sie sollten weder nach Wissen streben, noch wurde in ihre Bildung investiert. Stattdessen sollten sie zurückhaltend und dem Manne hörig leben.
Die Folgen einer solchen Erziehung sind leicht auszumalen, denn wie sollten auf diese Weise kluge, gewitzte und umsichtige junge Frauen heranwachsen? Und so hatte auch Perraults Rotkäppchen keine Chance eine solche junge Frau zu werden.
Die Geschichte
Natürlich geht es auch in dieser, oft als erste schriftliche Version dieses Märchens bekannten, Version um ein kleines Mädchen, das sich mit Proviant auf den Weg durch den Wald zu seiner erkrankten Großmutter macht. Unterwegs begegnet es dem Wolf und gibt ihm bereitwillig Auskunft auf seine Fragen. Sie hinterfragt nicht die Absichten, die hinter seinen Fragen stecken, da man ihr beigebracht hat, hörig zu sein und sie schlechtweg nicht weiß, dass es gefährlich ist, mit einem Wolf zu sprechen:"la pauvre enfant, qui ne savait pas qu'il est dangeureux de s'arrêter à ecouter un Loup" (S. 208) .
Was dann geschieht muss ich wohl nicht noch einmal breit wiederholen: Der Wolf eilt voraus, frisst die Großmutter, versteckt sich in ihrem Bett und lauert auf das Rotkäppchen. Dieses kommt schließlich, das altbekannte Gespräch beginnt und am Ende geschieht das Unausweichliche: Sie wird gefressen.
Damit ist die Geschichte von Charles Perrault vorbei. Sie endet in genau dem Moment, als das Mädchen die Erkenntnis hat, dass es falsch handelte, doch nun ist es zu spät und die Sache buchstäblich gegessen.
Man könnte dem Verfasser unterstellen, dass er mit seiner Version der Gesellschaft einen Spiegel vorhält und ihr vor Augen führt, was geschieht, wenn man nur dem männlichen Geschlecht oder den Adligen eine umfassende Bildung angedeihen lässt. Möglicherweise war dies sein Beitrag zum Umbruch des Bildungswesens in Frankreich, der zu jener Zeit begann, doch wer vermag dies heute noch zu sagen?
Falls jemand von euch nun diese Geschichte einmal lesen möchte, so empfehle ich Charles Perraults „Contes“ der Librairie Générale Française, Edition Le Livre de poche – Les classiques de poche von 2006 zu konsultieren. Dort findet ihr noch viele weitere märchenhafte Erzählungen längst vergangener Tage.
Ich verabschiede mich nun wieder, sage au revoire und bis nächste Woche, wenn es mit den Gebrüdern Grimm weitergeht!
Habt eine entspannte Woche
Eure meluni
Bildquellen: 1 und 2