Andre Stern und die Gefühle
Oh, so ein schöööönes Interview! [1] Und wo wir hier offen sprechen können, da darf ich das sagen: Meines Erachtens ist das folgende Zitat Andre Sterns reinste Diplomatie. Das zeichnet ihn aus. Doch es ist darum nicht alles so, wie er es sagt und wünscht. (Typisch Diplomatie)
"[Lernen] passiert, in dem man spielt und berührt ist, denn es gibt kein Lernen ohne Emotion. Man kann keine Information speichern, wenn sie nicht mit einem starken Gefühl verbunden ist. Bei 80% von dem, was man hat lernen müssen und dann auch wieder vergessen hat, war kein Gefühl dabei."
Doch ist das wirklich so?
Das von Andre Stern vielleicht nicht erlebte Gefühl war eines von Angst, Scham, Wut, ... und es führte dazu, etwas zu lernen, das nichts mit dem Inhalt zu tun hatte. André blieb es erspart. Seinem älteren Halbbruder Bertrand Stern jedoch sehr wahrscheinlich nicht.
Marshall Rosenberg berichtet reichlich von jenen Gefühlen. Er bezeichnet sie als wichtige, hilfreiche Warnsignale. Tragisch jedoch sei es, wenn man wenig Gelegenheit bekommt, diesen Warnsignalen nach_zu_denken. Oder gar bloß Erfahrung, Kraft oder Hoffnung zugesprochen erhält, sie als Warnsignale zu werten, statt sie als Selbstverletzung zu ertragen.
Das, was dann tatsächlich gelernt wird, beschreibt John T. Gatto in den vielen, vielen Büchern, die er seit 1993 erarbeitet hat. Darunter die versteckten Lektionen des Lehrers: Verwirrung, Zugehörigkeit, Gleichgültigkeit, emotionale sowie intellektuelle Abhängigkeit, labiles Selbstbewusstsein, sich verstecken müssen, ...
Kein Wunder ist es dann, wenn sich das "gelernte" als Trauma auswächst und bis zur schieren Unveränderlichkeit vernarbt. Gefühle sind Trumpf, da gebe ich Andre Stern ohne Zweifel recht. Und er tut sicher gut daran, die negativen Gefühle niemandem zuzusprechen, denn dann hätte er vermutilch zahlreiche Widersacher (unter seinen Zuhörern), die nicht wahrhaben wollen, was hier all die Jahre geschieht.
[1] http://diekleinebotin.at/2017/12/08/interview-andre-stern/