Liebe Steemianer,
ich bin etwas erschüttert. Ich hätte nie im Leben gedacht, dass das so schnell passiert.
In China wurde am Sonntag bekannt gegeben, dass der erste Mensch mit gentechnisch verändertem Erbgut auf die Welt gekommen ist. Bizarrerweise beginnt just morgen in Hongkong eine internationale Konferenz, auf der führende Wissenschaftler, Ethiker und Politiker über den potenziellen Nutzen und die Risiken der neuen Technik diskutieren wollen. Dass diese breaking news zu diesem Zeitpunkt verkündet wird, ist quasi als Affront der vorpreschenden Wissenschaft gegen die vorsichtig abwägende Vernunft zu sehen.
Der chinesische Wissenschaftler He Jiankui gab bekannt, er habe bei insgesamt sieben kinderlosen Paaren mit HIV-positiven Männern im Zuge einer "Kinderwunschbehandlung" (Einführung einer HIV-Resistenz!) die DNA der Embryos verändert. Nur in einem Fall hätte das zu einer Schwangerschaft und schließlich zur Geburt von Zwillingen geführt. Sie heißen Lulu und Nana und sind "so gesund wie jedes andere Baby“, sagte der Forscher.
Die Schwelle zum „Designerbaby“ ist somit überschritten, denn der Eingriff diente nicht der Beseitigung eines Gendefektes, sondern der Verbesserung eines gesunden Genoms! Vor einer Ansteckung mit HIV kann man Kinder effektiv schützen, dagegen ist das angewandte Verfahren, CRISPR/Cas9, noch völlig unerprobt und die Mädchen werden wohl noch lange Zeit Versuchskaninchen sein. Die Gefahr besteht, dass zusätzliche, unbeabsichtigte Mutationen eingeführt wurden.
Besonders krass der Gegensatz zur Gesetzgebung in Deutschland, dessen Embryonenschutzgesetz sogar eine Diagnostik an möglicherweise schwer kranken Embryonen verbietet, geschweigedenn einen Eingriff in die Keimbahn!
Für viele (mich eingeschlossen) war das Experiment verfrüht und verantwortungslos.
Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats dazu: „Sollte es sich bewahrheiten, dass ein mithilfe von CRISPR genmanipuliertes Baby erzeugt worden ist, wäre dies für die Wissenschaft ein Super-GAU“.
Umso dringender, dass eine Debatte geführt wird, in welchen Fällen ein Eingriff ins Erbgut gerechtfertigt ist. Sollten solche Eingriffe (so lange die Langzeitfolgen unbekannt sind) nur gemacht werden, um Leben zu retten, wenn alle anderen Mittel ausgeschöpft sind, also am ehesten vergleichbar mit neuen, unerprobten Krebsmedikamenten mit schwersten Nebenwirkungen? Da aber Eizellen nicht als Leben gelten, würde diese strikte Sichtweise überhaupt keine Keimbahnveränderungen zulassen. Während die Grenze noch nicht einmal ausreichend diskutiert wird und es auch keinerlei internationalen Konsensus gibt, haben manche einfach vollendete Tatsachen geschaffen.
Noch hat He Jiankui seine Arbeit nicht publiziert, es gibt also noch etliche Fragezeichen. Bekannt ist, dass die Genomeditierung direkt nach der Verschmelzung von Eizelle und Spermium durchgeführt wurde. Die Wissenschaftler schalteten mittels "Genschere" das Gen für das Protein CCR5 aus – die Eintrittspforte, über die die HI-Viren menschliche Zellen befallen. Eine Übertragung von HIV war zunächst durch Waschen der Spermien verhindert worden. Nach drei bis fünf Tagen entnahmen die Forscher den entstandenen Embryonen einige Zellen, um den Erfolg der Genmanipulation zu überprüfen, und setzten die Embryonen dann den Frauen ein.
Die Identität von Eltern und Kindern wird übrigens geheim gehalten. Der chinesische Menschenversuch scheint zudem nur in einem Fall wirklich geglückt zu sein. Während bei einem der Mädchen beide Kopien des Ziel-Gens deaktiviert wurden, ist das bei seiner Zwillingsschwester nur bei einer Kopie gelungen. Dieses Mädchen hat nun keinen Schutz vor HIV, dafür aber die Risiken und möglichen Nachteile.
Die eigentlich Folge dieses Keimbahneingriffs: Betroffen sind nicht nur die beiden chinesischen Mädchen, sondern potenziell auch ihre Nachkommen und somit letztlich der gesamte Genpool der Menschheit. Der Verlust des CCR5-Proteins bringt dabei keineswegs nur Vorteile mit sich: Die betroffenen Menschen erkranken zwar nicht mehr an HIV, dafür leichter an anderen Viruserkrankungen wie dem West-Nil-Fieber, und sie sterben vermutlich eher an Grippe.
Dieses Experiment ist übrigens nicht zu verwechseln mit der Gentherapie, bei der meist zusätzliche Gene in somatische Zellen eingebracht werden, um z.B. fehlende Proteine zu ersetzen. Hier gibt es in der Regel KEINE Auswirkungen auf die nächste Generation. Es gibt bereits zugelassene Gentherapien am Markt und auch keine ethische Debatte mehr darüber. Der Versuch in China dagegen hat eine völlig neue Tür aufgestossen...
Könnte schneller kommen als gedacht Quelle
https://www.welt.de/gesundheit/article184484378/China-Geburt-genmanipulierter-Maedchen-verkuendet.html
https://www.welt.de/debatte/kommentare/article184519362/Genmanipulierte-Babys-in-China-Besonders-schockieren-muss-der-Gegensatz-zu-Deutschland.html