Oder wenn man sich eingesteht, dass das, was um einen herum in einem Land oder in einem Unternehmen geschieht, die gemeinsame Zukunft bedroht – und man selbst mitschuldig ist an der Verschlechterung der Lage? Bevor man überhaupt zu solchen Fragen kommt, muss man sich die schwierigste Frage von allen stellen: Wie ehrlich will man mit sich selbst sein?
Oft lassen wir uns selbst vom Haken und verschließen die Augen vor unseren eigenen schwierigen oder hässlichen Wahrheiten. Wir rationalisieren unser Verhalten, aber die Welt kann uns nicht vor solchen Lügen bewahren. Also: Stellen Sie sich Ihrer Angst. Wenn man lernt, ehrlich zu sein, beginnt man bei den eigenen Wahrheiten: Selbsteinschätzung, Selbsterkenntnis, Empathie für andere. Das Einzige, was man auf dieser Welt kontrollieren kann, ist man selbst.
Nach einem Jahr luden uns meine Eltern zu sich nach Hause ein – uns beide. Ich sprach mit Cheche, die verneinte, dass wir ihr Unbehagen bereiteten, und uns ebenfalls willkommen hieß.
Ich wollte mich keinesfalls über meine Sexualität definieren; sie ist nur ein Teil von allem, was ich bin. Außerdem arbeitete ich für CNN in mehreren Ländern, in denen es illegal war, homosexuell zu sein. Oder bestenfalls unangenehm.
Im September 1998 nahm ich an einer Pressekonferenz in Malaysia teil. Premierminister Mahathir Mohamad hatte seinen stellvertretenden Premierminister, Anwar Ibrahim, aus dem Amt geworfen, obwohl er Anwar zuvor wie seinen eigenen Sohn behandelt und ihn sogar als seinen Nachfolger aufgebaut hatte. Der Grund? Anwar hatte angeblich Sex mit einem Mann gehabt, dem Fahrer seiner Familie. Es gab ein Video, auf dem zu sehen war, wie der malaysische Geheimdienstchef eine verschmutzte Matratze aus seinem Haus holte, die scheinbar Spermaflecken von diesem homosexuellen Akt aufwies.
In der Pressekonferenz sagte Mahathir, Anwar sei als Staatsoberhaupt »ungeeignet«, und wirkte dabei, als fänge er gleich an zu weinen. Nur wenige Journalisten waren eingeladen; ich war darunter, weil ich mir das Vertrauen von Mahathir verdient hatte: Ich war von CNN, ich war eine asiatische Amerikanerin (ja, das spielte definitiv eine Rolle). Außerdem hatte ich – privat – eine Beziehung mit einer Frau. Mein Herz raste, als ich die Hand hob.
»Premierminister Mahathir, wollen Sie damit sagen, dass man in Malaysia nicht homosexuell sein darf?«, fragte ich.
Er sah mich an und erklärte, dass in Malaysia, anders als im Westen, »traditionelle Werte« herrschten. Er fühlte sich unwohl. Ich fühlte mich unwohl. Ich fragte nach den schwulen und lesbischen Bevölkerungsgruppen in Malaysia, aber er wich der Frage aus und schaute dann direkt in die CNN-Kamera hinter mir, um sich an unser weltweites Publikum zu wenden. Mahathir, seit 1981 Premierminister, war ein geschickter, aggressiver Redner, der häufig die westliche »Überlegenheit« infrage stellte. Anwar wurde wegen Sodomie und Korruption zu einer Haftstrafe von bis zu neun Jahren verurteilt, wobei er behauptete, dass dies Teil einer Verschwörung von ganz oben gewesen sei.
In jenem Augenblick sagte ich nicht, dass ich homosexuell bin. Ich zog eine Grenze zwischen dem Persönlichen und dem Beruflichen. Am Anfang war das nicht schwer, weil sich die CNN-Zentrale auf der anderen Seite der Welt befand, wo ich lebte, aber im Laufe der Jahre wurde daraus ein offenes Geheimnis. Ich verbarg es nicht, aber ich posaunte es auch nicht heraus.
Es liegt nicht in meiner Natur, gegen die Welt zu wettern; ich akzeptierte sie, ließ mich nicht aufhalten und tat weiter, was ich tun musste. Ich konzentrierte mich mehr darauf, die Geschichten anderer Leute zu erzählen und mein journalistisches Können weiter zu verbessern.