Wer oder was tickt hier eigentlich noch richtig - außer meiner Uhr?
hat die Community um Aufklärung gebeten. Er möchte von uns wissen, welche fünf Schrullen jeder hat.
Um es gleich vorweg zu nehmen:
Ich beherberge eigentlich keine Schrullen, da der dafür verfügbare Platz bei mir komplett mit ausgeprägten Macken besetzt ist!
Eine davon ist zum Beispiel meine Angewohnheit, bei Veranstaltungen, die ich aus beruflichen Gründen über mich ergehen lassen muss, meine Fragen immer erst dann zu stellen, wenn die Hauptakteure bereits an das Bier danach denken und jeden Augenblick mit dem gegenseitigen Schulterklopfen zu starten gedenken. Erst dann sehe ich meine Zeit gekommen, um dem Drama (was anderes ist eine Partei- oder Wahlveranstaltung nun mal nicht) dann doch noch ein letztes Lebenszeichen zu entlocken.
Selbstverständlich könnte ich bereits viel früher, wenn die Hauptredner ihren zum x-ten Mal wiedergekäuten Ballast abgeladen haben und die Fragen aus dem Publikum erwartet werden, dem Saal etwas Leben einverleiben und mich danach den angenehmen Dingen des Lebens widmen. Aber nein, Wolfram gibt sich die volle Dosis und wartet geduldig bis der letzte Rülpser aus den Boxen schallt.
So auch geschehen bei einer Wahlveranstaltung in einer Kreisstadt mittlerer Größe, zu der ein gewisser Oskar Lafontaine als Hauptredner angekündigt war. Für mich ein Umstand, der nah an die Höchststrafe grenzte, da ich die Leier des politischen Urgesteins vorher fast auswendig kannte. Es ist nun einmal Fakt, dass auf solchen Polit-Tourneen durch das Land ein und dieselbe Rede von Flensburg bis Füssen abgesondert wird (minimale Abänderungen nicht berücksichtigt). Was mich in diesem speziellen Fall stutzig machte, war der mir unerklärliche Umstand, was der Mann mit seinen allseits bekannten linken Herzrhythmusstörungen im überregionalen Bereich zur Haushaltslage dieser Stadt zu sagen hatte, da es sich eindeutig um einen Kommunalwahlkampf handelte.
Pikanterweise recherchierte ich bereits seit längerer Zeit in den verabschiedeten Haushaltsplänen der Kreisstadt und entdeckte so ganz nebenbei die verschiedensten Unregelmäßigkeiten bei Vergaben öffentlicher Aufträge. Somit ganz ordentlich ausgerüstet für das Aufeinandertreffen mit der örtlichen Politprominenz, fiel es mir leicht auch noch das Gesabbel von Oskar Lafontaine zu ertragen, der (und das muss ich neidlos anerkennen) mit seinem rhetorischen Talent auch einen alten Eintopf noch schmackhaft servieren kann. Nur zum Thema Haushalt, Amtsmissbrauch und Vetternwirtschaft hatte der Vorzeigepatient aller Kardiologen null und nichts zu sagen, was jedoch die anwesende Masse Interessierter und Claqueure nicht zu jucken schien. Hauptsache Oskar hatte ein paar gute Lacher auf Lager.
Mann kann es bereits ahnen (geschuldet meiner oben erwähnten Macke) erfolgte mein Nachschlag just dann, als die ersten sozialistischen Bruderküsse bereits auf den Lippen lagen.
Dabei schenkte ich dem Hauptredner die Beachtung, die er im Kommunalwahlkampf verdient hat, nämlich keine und richtete meine Fragen an die amateurhaften Mauscheler auf dem Podium. Innerhalb weniger Minuten zog eine gereizte Stimmung und viel Ramba Zamba in die gut gefüllte Bude ein. Dem Wunsch des Veranstalters, mich doch bitte aus dem Saal zu entfernen, konnte nicht nachgekommen werden, da niemand der Anwesenden das Verlangen verspürte, mich vor den laufenden Kameras der Kollegen handgreiflich anzugehen.
Das Ende vom Lied, das ein paar Wochen später durch die Medien geisterte, klang wie folgt.
Die Wahl krachend verloren, eingeleitete Ermittlungen der oberen Aufsichtsbehörde und schwere Eruptionen im Führungskreisel der Verwaltung.
Was ich beinahe vergaß - der Nestbeschmutzer war schnell einwandfrei identifiziert und wurde solange weiträumig gemieden, bis er nicht die ersten Machenschaften der neuen “Elite” zur Sprache brachte. Alles wäre anders gelaufen, hätte ich mich an die Regeln gehalten und ganz zum Schluss lieber ein paar linke Küsse verteilt. Vielleicht sollte ich mich wirklich mehr darauf konzentrieren?
Was gibt es da noch, was mit Fug und Recht als ausgewachsene Macke bezeichnet werden kann?
Vielleicht die Tatsache, dass wenn ich mich so richtig aufrege (und das tue ich ab und an ganz gerne), dann treibt mich die Empörung in die Einsamkeit, die ich augenblicklich mit einem ausgeprägten Selbstgespräch auffülle.
Richtig, eigentlich nichts, mit dem man auf dem Bazar der ausgeprägten Schrullen einen Blumentopf gewinnen könnte. Doch bringt mich der Umstand, den Monolog von A bis Z auf Spanisch zu führen, einer Sprache, die ich nur unwesentlich besser als Swahili beherrsche, ganz weit nach oben unter den Kandidaten mit Aussicht auf das Siegerpodest. Besonders hervorzuheben möchte ich dabei meine Sorgfalt, den verbalen Ausfluss möglichst in einem Flow zu präsentieren, wie wir ihn von den Rappern kennen, die jede Zeile so lange knüppeln, bis sie sich reimen. Ob die Betonung jeweils auf die erste oder letzte Silbe, nur auf einen Vokal oder auf die immer gleiche Endung passt, das spielt alles nur die ungeliebte Nebenrolle. Hauptsache der Ärger kocht über.
Ein kleines Beispiel gefällig?
Revolución, concentración, menstruación, culminación, por favor.
Wobei hier anzumerken wäre, dass por favor zwar den Flow sprengt, aber auf eine gewisse Höflichkeit des Monologisten hindeutet, was ja auch von der Jury nicht ignoriert werden sollte
Die aufgeführten sind übrigens nicht alle Exemplare aus meinem Wortschatz. Geht es so richtig zur Sache, labere ich auf Spanisch einen Regenwurm zurück unter die Erde, muss aber zugeben, mich bereits mehrmals gefragt zu haben, ob ein Madrilene mehr als ein Wort von dem versteht, was da den Weg ins Freie findet?
Wenn ich es mir richtig überlege, geht es ja eigentlich niemanden etwas an, welchen beknackten Macken ich Unterschlupf gewähre, doch wenn ich schon mal dabei bin, mich dermaßen nackig zu machen, kommt es auf diese Kleinigkeit auch nicht mehr an. Da gibt es nämlich noch ein Detail an meinem Verhalten, das bei intensiver Betrachtung zumindest ein Kopfschütteln verdient hätte. Genauer gesagt, geht es nämlich um das Nachdenken im Spezifischen, aber auch um das Denken ganz im Allgemeinen. So wie es Auguste Rodin anschaulich in Stein gemeißelt und wenige Wochen später Loriot in einer leicht überarbeiteten Fassung auf den Weg gebracht hat.
Bei beiden Koryphäen, was ihren jeweiligen Fachbereich betrifft, stand ich Model. Sowohl naheliegend wie nachvollziehbar, da ich das Denken quasi (in seiner heutzutage praktizierten Form) erfunden habe. Immanuel Kant meldete zwar letzte Woche beim Amtsgericht Wuppertal auch Ansprüche an, vergaß diese jedoch genau zu definieren und scheiterte dazu noch kläglich an der Verjährungsfrist. Aber das nur ganz nebenbei bemerkt.
Fakt ist nun mal, mir angewöhnt zu haben mit dem Denken mehr Zeit zu verbringen, als mein Nachbar seinem Rasenmäher widmet. Ein Umstand, der mich nachdenklich stimmen sollte, womit ich jedoch für alle Zeiten im Hamsterrad gefangen wäre.
Ich sehe aber auch kein göttliches Zeichen am Horizont, welches mir zum Umdenken verhelfen könnte, zumal mir beim Nachdenken auffiel, dass mit seiner These sehr wohl recht hat, Steemit als einen Marktplatz hochwertiger Beiträge zu etablieren, auf dem Interessenten aus allen Bereichen im Sinne ihrer eigenen Interessen fündig werden und sich entsprechend eindecken können. Dass in der
vom nimmermüden Team derzeit die Regale unter Hochdruck für die Präsentation gefertigt werden, um das entsprechende Ambiente für den zahlungswilligen Kunden bieten zu können, sollte unbedingt honoriert werden, da wir alle davon profitieren werden.
Über einen steigenden Steem-Kurs habe ich mir nämlich noch nie Gedanken gemacht, da Redaktionen aus allen Medienbereichen noch immer FIAT fahren.
Also kein Traumdenken, sondern ein Gedankengang in die richtige Richtung in Zeiten schneller Nachrichten und der Gier nach Meinungsvielfalt.
Bevor ich jetzt komplett blank ziehe, betätige ich besser die Handbremse, da die vollkommene Nacktheit gerne die Nachbarschaft der Langeweile sucht. Und genau diese Destination möchte ich ungern ansteuern. Zumal vollbeladen mit Schrullen, Macken und Angewohnheiten, die ständig neue Einsatzmöglichkeiten suchen.
Ich hoffe euch nicht gelangweilt zu haben. Ein leichtes Schmunzeln wäre ideal!
Hinweise auf lesens- und hörenswerte Beiträge:
Der Wegweiser für alle, die das für sie Wichtige suchen: steemwiki
Wer interessiert am Jazz ist, der findet hier was: #jazzfriday
Soll es was ganz Leckeres für den Magen sein: #w74-rezepte
Kurzgeschichten oder Ausflüge in die deutsche Sprache, dann wird man sicher fündig unter: #ganzwenigtext
Alte Ausgaben des Wochenrückblickes liegen hier: #wochenrueckblick
Mahnende Worte von der Kanzel herab (oder von wo auch immer): #sonntagspredigt
Nicht zu vergessen: BRenNgLAS