Jetzt konnten wir überall, selbst in den entlegensten Ecken der Welt, eine Live-Schaltung einrichten. Dies führte zu etwas, was damals weithin als »CNN-Effekt«
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bezeichnet wurde – wenngleich es für alle weltweiten 24-Stunden-Fernsehnachrichtensender galt und direkt auf das rasche Wachstum und die Auswirkungen der Nachrichtenerfassung per Satellit zurückzuführen war.
All diese technologischen Fortschritte hatten tiefgreifende Folgen, insbesondere auf die oft kontrovers geführte Debatte darüber, inwieweit Massenmedien die Politik beeinflussten. Die neue Technologie ermöglichte es uns, die Öffentlichkeit schneller mit Informationen zu versorgen, als eine Regierung sich selbst Informationen verschaffen konnte. Das bedeutete, dass Regierungsvertreter weniger Zeit zum Nachdenken hatten, bevor sie ihre Positionen verkündeten, und weniger Zeit zum Überlegen, bevor sie handelten. Bald lernten die Regierungen, die öffentliche Meinung mithilfe der technischen Entwicklungen zu beeinflussen.
Es bedeutete auch, dass eine Reporterin wie ich weniger Zeit hatte, sich zu entwickeln, und es beschnitt unsere Zeit, Geschichten zu erkunden und zu entdecken. Alles, was aufregend, schneller und einfacher war, schien im selben Zuge die Tiefe unserer Berichterstattung zu verringern; in gewisser Weise sparte uns die Technik Zeit und stahl sie uns zugleich.
Die Arbeit bei einem 24-Stunden-Nachrichtensender machte es erforderlich, dass ich die gesamte Vorarbeit erledigte, bevor ich überhaupt an Ort und Stelle war. Meine Konkurrenten versuchten vielleicht noch, möglichst viel über ein Land zu lesen, bevor sie darüber berichteten. Hier war ich im Vorteil: Ich berichtete bereits seit einigen Jahren über dieselben Länder. Wenn ich landete, war ich oft schon eine Stunde nach Verlassen des Flughafens live auf Sendung.
Für unser Team in Jakarta war es eine magische Zeit der Berichterstattung. Sie fiel genau in die Phase, als sich in Indonesien ein dramatischer Wandel vollzog. Seit 1965 wurde das Land von Suharto regiert, dem am längsten amtierenden Präsidenten des Landes. Transparency International bezeichnete ihn als korruptesten Führer der modernen Geschichte. (Gleich danach kam Ferdinand Marcos.) Durch die Arbeit bei CNN befasste ich mich nicht nur mit der Führung von Ländern und Medienunternehmen, sondern auch mit dem Auf und Ab der Menschen, die geführt wurden. Die Suche nach einem Gleichgewicht zwischen Stabilität und Wandel – angestoßen durch die von Führungspersönlichkeiten geweckten Erwartungen – dauerte manchmal Generationen.
Nachdem wir das Büro 1995 eröffnet hatten, brachte jedes Jahr etwas Neues mit sich: 1996 die Megawati-Unruhen in Jakarta, die ausgelöst worden waren, weil eine Frau Suharto politisch herausgefordert hatte; 1997 die asiatische Finanzkrise und die Waldbrände in Indonesien, die zu den immer wiederkehrenden südostasiatischen Dunstglocken führten – eine spektakuläre ökologische und politische Story. Und dann, 1998, nach fast zweiunddreißig Jahren an der Macht, stürzte Suharto, was einen enormen sozialen Wandel auslöste und eine Art von Gewalt entfesselte, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte.
Die Interviews mit politischen Führern zeigten mir, wie sehr ihre Schwächen in der Kultur der von ihnen regierten Völker verankert waren. Bei CNN berichteten wir über etliche Gesellschaften, die sich im Umbruch befanden, als sie sich von der Herrschaft eines starken Mannes lösten, um ihre eigenen Demokratien einzufordern und zu entwickeln – von Marcos’ Philippinen über Lee Kuan Yews Singapur bis hin zu Suhartos Indonesien und Mahathirs Malaysia.
Marcos und Suharto hinterließen ähnliche Probleme, die direkt unter der Oberfläche lagen. Auf den Philippinen waren es Vetternwirtschaft und Klientelpolitik. In Indonesien hieß es KKN: Korruption, Kollusion und Nepotismus. Dieses von oben nach unten durchgesetzte repressive politische System forderte seinen Tribut von den Menschen. Die größte Sünde ihrer Führer war, dass sie es versäumt hatten, ihr Volk zu erziehen.
Ich war frustriert über den Mangel an Initiative und Kreativität unter den Erwerbstätigen beider Länder, aber woher sollten die Menschen derartige Werte auch haben? Unter Marcos und Suharto ging man ein Risiko ein, wenn man auffiel. Besser, man lehnte sich zurück und passte sich an. Es half nicht, dass die jeweiligen kulturellen Werte diese Sichtweise noch verstärkten.
Als ich in den Jahren, in denen ich für Probe tätig war, an der Universität der Philippinen unterrichtete, wollte ich verstehen, was – und wie – die Studierenden lernten. Was waren ihre Werte? Ich stellte fest, dass Respekt vor Autoritäten belohnt wurde: zu wissen, wo man hingehört, Auswendiglernen, die Fähigkeit, sich Antworten einzuprägen und diese wiederzugeben, Ordentlichkeit und Pünktlichkeit und vor allem Unterordnung unter ihre Lehrer und deren Ansichten. Sie äußerten selten, was sie wirklich dachten.
In Indonesien war der Mangel an Kreativität und unabhängigem Denken noch ausgeprägter. Um das CNN-Büro aufzubauen, reiste ich sieben Mal durchs Land, um Indonesier zu finden, die ich einstellen könnte. Niemand, den ich befragte, hatte die Fähigkeiten, die Erfahrung und die Arbeitsmoral, nach denen ich suchte.
Auf den Straßen eines Landes, in dem das Wort amok seinen Ursprung hat, schlug der Mangel an Bildung in Gewalt um.