Da ich mich mit Terrorismus und der Verbreitung virulenter, gewaltverherrlichender Ideologien beschäftigte, wollte ich herausfinden, wie sich Menschen verändern, wenn sie sich einer Gruppe anschließen – ein Phänomen, das ich bereits in Indonesien beobachtet hatte. Um die Radikalisierung zu erforschen, wandte ich mich zunächst der Theorie des Gruppendenkens und den Experimenten des Psychologen Solomon Asch aus den 1950er-Jahren zu. In zwölf manipulierten Tests konfrontierte Asch seine Probanden mit einfachen Fragen. Dabei gaben 75 Prozent der Befragten dem Druck der Gruppe nach, anstatt bei ihren eigenen Schlussfolgerungen zu bleiben.
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Seine Experimente zeigten die Macht des Gruppenzwangs und wie die Zugehörigkeit zu einer Gruppe jeden von uns verändert. Um die Reaktion von Terroristen auf Autorität zu verstehen, wandte ich mich den berühmten Experimenten von Stanley Milgram (vielleicht erinnern Sie sich an die »sechs Phasen einer Trennung«) und Philip Zimbardos Gefängnisexperiment zu.
Milgram fand heraus, dass die meisten Menschen Anweisungen befolgen, selbst wenn sie aufgefordert werden, anderen Menschen potenziell tödliche Schocks zu versetzen.
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Zimbardos Studie wurde infrage gestellt, aber er bleibt bei seinen Erkenntnissen: dass Menschen ihre Individualität aufgeben und die Eigenschaften der ihnen zugewiesenen Rollen annehmen.
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Mit anderen Worten: Autorität kann uns den Freiraum verschaffen, unsere schlimmsten Seiten auszuleben. Diese Experimente kamen mir später im Zusammenhang mit den sozialen Medien wieder in den Sinn: wie leicht es ist, einen Mob gegen ein Ziel aufzuwiegeln. Ich erkannte auch, dass sich Extremismus und Radikalisierung über soziale Netzwerke wie ein Virus verbreiten können. Die Theorie der sozialen Netzwerke bot die »Three Degrees of Influence Rule« (Drei-Grad-Einfluss-Regel), eine Theorie, die erstmals 2007 von Nicholas Christakis und James Fowler aufgestellt wurde.
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Ihre Arbeit zeigte, dass alles, was wir sagen oder tun, sich in unserem sozialen Netzwerk ausbreitet und Auswirkungen auf unsere Freunde (ein Grad), die Freunde unserer Freunde (zwei Grade) und sogar die Freunde der Freunde unserer Freunde (drei Grade) hat.
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Wenn man sich beispielsweise einsam fühlt (was sich wohl am wenigsten verbreitet, sollte man denken), besteht eine vierundfünfzigprozentige Chance, dass sich auch ein Freund einsam fühlt, eine fünfundzwanzigprozentige Chance, dass sich der Freund eines Freundes einsam fühlt, und eine fünfzehnprozentige Chance, dass sich der Freund eines Freundes eines Freundes einsam fühlt.
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Emotionen wie Glück und Hoffnung, aber auch Rauchen, sexuelle Krankheiten und sogar Fettleibigkeit können über soziale Netze aufgespürt und verbreitet werden.
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Meine ersten Erfahrungen mit der Abbildung sozialer Netzwerke machte ich mit Techniken
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, die wir im Core Lab an der Naval Postgraduate School in Monterey, Kalifornien, weiterentwickelten.
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Bei der Verfolgung von Terroristen stellten wir fest, dass al-Qaida und Jemaah Islamiyah (JI) in Südostasien und Australien auf dieselbe Weise operierten, wie es später auch Desinformationsnetzwerke taten: Sie kaperten unterschiedliche Gruppen, bildeten sie aus, finanzierten sie und infizierten sie mit der Dschihad-Ideologie, die sich sowohl gegen den »nahen Feind«, ihre eigenen Regierungen, als auch gegen den »fernen Feind«, die Vereinigten Staaten, richtete. Sowohl die JI als auch al-Qaida sahen in den Jahren nach dem 11. September ihre zentralisierten Kommandostrukturen zusammenbrechen. Doch die alten Netzwerke verbreiteten den Dschihad-Virus weiter. Die Zellen verübten Anschläge ohne zentrale Führung. Die Ausbildungslager waren kleiner und wurden eher ad hoc betrieben.
Die Bedrohung war nun breiter gestreut und schwieriger zu erfassen.
Seitdem habe ich diesen Satz in vielfältiger Weise wiederholt, wenn ich über die Auswirkungen von Terrorismusbekämpfungsmaßnahmen auf terroristische Netzwerke gesprochen und geschrieben habe.
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Er lässt sich auch auf die politische Radikalisierung im Internet zwanzig Jahre später übertragen: Die Cybersecurity- und Geheimdienstexperten von Facebook, darunter ehemalige Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrats der USA, kamen zu denselben Schlussfolgerungen darüber, wie sich Online-Desinformationsnetzwerke, die sich über Facebook verbreiteten, nach Jahren der Abschaltung wieder regenerierten: »Die Bedrohung war breiter gestreut und schwieriger zu erfassen.«
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Im Jahr 2003 war ich mittlerweile siebzehn Jahre lang als Journalistin tätig, und meine Lernkurve hatte sich abgeflacht. Inzwischen konnte ich mit geschlossenen Augen Eilmeldungen abliefern, und ich stellte fest, dass sich in jeder meiner Storys dieselben Themen abzeichneten. Die Arbeitsabläufe meines Teams in Jakarta waren optimal; wir waren besser als jedes andere Büro unserer Größe. Aber ich hatte aufgehört zu lernen. Ich wollte mehr.
Ich wurde vierzig, aber ich lebte immer noch wie eine Studentin, die sich keine Gedanken über die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben machte. Meine Arbeit war mein Leben, und mein Leben war meine Arbeit.