Kapitel 2
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Der Ehrenkodex
Grenzen ziehen
Um in Princeton aufgenommen zu werden, muss man sich zum Ehrenkodex bekennen.
Auf dem College begann ich selbstständig zu forschen und zu denken. Meine Schulbildung in Manila hatte den Schwerpunkt auf Auswendiglernen und Merkfähigkeit gelegt, darauf, die Regeln zu befolgen und nur zu sprechen, wenn man aufgefordert wird. In den Vereinigten Staaten hatte ich dies ebenfalls getan. Bis zum College.
Meine Wahl fiel auf die Princeton University. Mir gefiel der Gedanke, dass die Studierenden sogenannte Precept Classes (kleine Diskussionsgruppen) mit weltberühmten Professoren, sogar einem Nobelpreisträger, besuchen konnten. Außerdem lag die Universität nur etwa drei Autostunden von Toms River entfernt, sodass ich nicht allzu weit von zu Hause weg war. Ich verbrachte Stunden damit, über den wunderschönen Campus mit seinen geschichtsträchtigen Gebäuden zu spazieren und zu beobachten, wie sich die Blätter verfärbten. Oder ich saß in der Kapelle, wo ich zur Ruhe kam. Manchmal, wenn niemand in der Nähe war, blieb ich am imposanten Blair Arch stehen, um den Punkt in der Mitte zu finden, an dem mein Flüstern von den Wänden widerhallte. Spätabends, wenn ich von der Firestone Library nach Hause kam, hielt ich am 1899 Arch an, um den improvisierten Darbietungen unserer Gesangsgruppen zu lauschen, bevor ich zurück in meinen Schlafsaal ging und dort das letzte Lied anstimmte.
Ich hatte ein etwas über acht Quadratmeter großes Zimmer zugewiesen bekommen, das gerade genug Platz für ein Bett, eine Kommode und einen Schreibtisch hatte. Meine Mutter brachte mir eine riesige Statue der Jungfrau Maria mit, die sie auf meine Kommode stellte. Von dort blickte sie direkt auf mein Bett. Mir war gar nicht bewusst, wie seltsam das war – obwohl es kurz vor dem Schlafengehen für einige tolle Gespräche mit meinen Freunden sorgte.
Religion war für mich ein großes und schwieriges Thema. Die tiefe Religiosität meiner Großmutter hatte meiner Schwester und mir die kirchlichen Vorschriften eingebläut. Sie hatte verlangt, dass wir zweimal am Tag, morgens und abends, den Rosenkranz beteten und fast jeden Tag zur Messe gingen. In meinem ersten Studienjahr befasste ich mich mit den fünf großen Weltreligionen: Christentum, Buddhismus, Islam, Judentum und Hinduismus. Ich wollte meinen Glauben logisch definieren, aber natürlich gibt es nichts Logisches an der Religion. Eine Zeit lang überlegte ich, Buddhistin zu werden, doch dann gewann das tägliche Leben die Oberhand, und meine Überzeugungen vermischten sich mit meinen Studieninhalten.
Ich besuchte die vormedizinischen Kurse in Princeton und erfüllte in den ersten beiden Jahren sämtliche Anforderungen für das Medizinstudium. Ich erkannte, dass die Regeln der Wissenschaft, der Physik, philosophisch sind, wie die Gesetze der Thermodynamik – Entropie, Chaos, dass es Energie braucht, um Ordnung zu erhalten. Dasselbe gilt für die Newton’schen Axiome. Mein Favorit war das dritte und damit das Prinzip der Wechselwirkung: actio est reactio. Oder die Heisenbergsche Unschärferelation, die ich meinem ersten Buch voranstellte: dass der bloße Akt des Beobachtens das, was man beobachtet, verändert und dass das, wonach man sucht, umso unbestimmter wird, je tiefer man vordringt. Wer hat gesagt, dass Religion und Wissenschaft nicht Hand in Hand gehen können?
Was mich und mein Werteempfinden in dieser Zeit jedoch am meisten prägte, war der Ehrenkodex. Bei jeder Hausarbeit und jedem Test müssen die Schüler in Princeton niederschreiben: »Ich gelobe, dass ich bei dieser Prüfung nicht gegen den Ehrenkodex verstoßen habe.« Damit verbürgt man sich nicht nur für sein eigenes Verhalten, sondern auch für das aller anderen um einen herum. Sobald die Prüfungsaufgaben ausgeteilt sind, verlässt der Professor den Raum. Mit dem Versprechen verpflichtet man sich, alle, die man beim Schummeln beobachtet, zu melden, denn tut man das nicht, nimmt die eigene Ehre Schaden. Man ist also nicht nur für sich selbst verantwortlich, sondern auch für die Welt um einen herum, zumindest für den eigenen Einflussbereich.
Dieser Gedanke gefällt mir. Obwohl ich während meines Studiums nicht viel über das »Honor Pledge« in Princeton nachdachte, lebte ich es bereits. Erst später wurde mir klar, dass ich davon ausging, alle würden das Gleiche tun und Verantwortung für die Welt um sich herum übernehmen. Einige Verwandte und Freunde haben diesen Charakterzug von mir einmal als dogmatisch und elitär kritisiert, und ich kann einem damit durchaus auf den Nerv gehen, vermute ich. Doch der strenge Ehrenkodex vereinfachte die Welt für mich und half mir, schnelle Entscheidungen zu treffen.
Dieser Ehrenkodex ermöglichte es mir, meine Werte früh und klar zu definieren, noch bevor mich ein moralisches Dilemma dazu verleiten konnte, egoistisches, schlechtes Verhalten zu rationalisieren. Er half mir, später im Leben eine Situationsethik zu vermeiden. Es war ganz einfach. Ziehe eine Grenze: Auf der einen Seite bist du gut, auf der anderen böse.