Die Tage vor dem Fest beherbergen (man mag es kaum glauben) die unterschiedlichsten Probleme.
Es war wieder einmal einer dieser spontanen Gedanken, der mir in aller Seelenruhe über den Weg spazierte, freundlich grüßte, um dann im Getümmel der alten, unbearbeiteten oder gar fast vergessenen Kollegen unterzutauchen. Erst im allerletzten Moment ergriff ich ihn noch am Zipfel, zog ihn wieder zu mir her, begutachtete ihn ein wenig genauer und kam dann zu dem Entschluss, mich doch mit dem Streuner ein wenig näher zu beschäftigen, denn er trug ein Thema in seinem Gepäck, das wie angegossen in diese Zeit passt.
Wie und wohin nur am 24. Dezember?
Das Problem ist ganz einfach. Heute ist bereits der 18. Dezember 2018 und Maria und Josef sitzen noch immer in Ramallah fest. Oberflächlich betrachtet eigentlich nicht das große Problem, wenn Maria nicht hochschwanger wäre und beide bis spätestens am 24. in Bethlehem erwartet werden würden. Maria ist gerade damit beschäftigt die wichtigsten Utensilien in einem Koffer zu verstauen, der auch schon bessere Zeiten erlebt hat, während Josef auf seinem Laptop nach der besten Route sucht. Eigentlich ist es kein Suchen. So kann man es einfach nicht nennen. Er hangelt sich eher von Problem zu Problem, denn seit Tagen ist Ramallah von der israelischen Armee vom Rest des Westjordanlandes abgeschnitten. Wie dieser Gürtel, der allen die Luft abzudrücken droht, überhaupt zu überwinden sein wird, ist ihm augenblicklich noch ein Rätsel. Aber irgendwie wird er es schaffen. Die Frage bleibt halt nur: wann und wie?
Laut dem Michelin-Routenplaner ist die Strecke in 1 Stunde und 15 Minuten zu schaffen, falls keine ungeplanten Grenzübergänge das Vorankommen extrem verlansamen. Doch, und das weiß auch Josef, genau hier liegt der Hase begraben. Mit Netanyahus aggressiver Siedlungspolitik tun sich fast täglich im Westjordanland neue Grenzen auf. Daher tendiert der werdende Vater dazu, Begin Blvd rechtes liegenzulassen und die Route über Hebron zu nehmen, die in knapp zwei Stunden (hoffentlich ohne Beschuss) zu bewerkstelligen sein wird.
Das junge Ehepaar, dem die Schwierigkeiten und Strapazen einer solchen Reise sehr wohl bewusst waren und auch noch immer sind, haben sich trotzdem auf diese Vertragsunterzeichnung mit den Autoren zur Neuauflage des Neuen Testamentes entschlossen, da bei einer termingerechten Geburt des sehnlichst erwarteten Sohnes, als Gegenleistung ein vereintes Palästina vertraglich zugesichert wurde.
(Anmerkung des Autors: Gutgläubigkeit kann Berge versetzen aber auch sonst gar nichts!)
Denn eigentlich hatte Maria überhaupt nicht vor, das Kind in Bethlehem zur Welt zu bringen. Sie sehnte sich nach einem sauberen Bett, einer Hebamme und, wenn unbedingt notwendig, ärztliche Unterstützung. Aber wo? Das war die Frage, deren mögliche Antworten der Alternative Bethlehem den Vorzug bescherte.
Eine Klinik in Jerusalem wäre eigentlich am naheliegendsten gewesen. Doch genau jetzt, zum ungünstigsten Zeitpunkt, entschließt sich Australien West-Jerusalem als israelische Hauptstadt anzuerkennen. Nicht nachvollziehbar, aber wer macht sich über solche Entscheidungen heute noch großartig Gedanken, wo der Preis für ein Pfund Butter (was viel wichtiger zu sein scheint) ins Unendliche schießt. Unruhen und Krawalle scheinen vorprogrammiert.
Der Weg in Richtung Norden, in den Libanon und von dort aus nach Jordanien, wo es einigermaßen friedlich zugehen soll, lässt der normale Menschenverstand nicht zu, da auf den Golan-Höhen die Scharfschützen sitzen und lediglich auf "außergewöhnliche" Bewegungen warten, während auf der anderen Seite die Hisbollah in jedem Auto israelische Agenten vermutet. Außerdem steht in Jordanien langsam auch König Abdallah II. das Wasser bis zum Hals, da seine westlich orientierte Politik die Stammesfamilien nur so lange ruhig hält, wie sie gut versorgt werden. Schwierige Zeiten mit ungewisser Zukunft. Syrien ist leider nicht all zu weit entfernt.
Natürlich stand auch noch der Weg via Ägypten und dann irgendwie über das Mittelmeer zur Diskussion. Da jedoch Josef über einen noch funktionierenden Internetzugang verfügt, war schnell klar, dass das Kind (nennen wir ihn mal Jesus) dann doch besser in Bethlehem geboren wird.
Ein weitaus weniger gefährliches Unternehmen, als die Suche nach einem Unterschlupf in Europa! Und das in einem Gebiet, das kurz vor der nächsten Intifada steht. Das gibt zu denken.
Dann wünsche ich Maria, Josef und dem Kind, dem noch viel Arbeit bevorsteht, eine friedliche Zukunft.
Mediales Zwischenspiel:
Anmerkung:
Es könnte sein, dass bei der einen oder anderen Seite der AdBlocker deaktiviert werden muss.
- “Für viele "Christen" in Deutschland ist das Christentum heute primär ein Abgrenzungsmerkmal gegenüber den anderen, vor allem Muslimen und Juden. Eher unchristlich, wenn Sie mich fragen.”
- Dieses Zitat fand ich bei Pew Research Center, die eine Studie über das Verhältnis der Deutschen zu Weihnachten durchführten.
- Wenige Tage vor Weihnachten in Ramallah. Soll man die Bewohner beneiden?
- Der Sohn von Benjamin Netanyahu gießt noch etwas Öl in Feuer.
- Vor meiner Haustür tut sich wenig erstaunliches. Natürlich wurde das längst dementiert.
Verstecken und suchen
Verstecken vor der Gewalt.
Vor den Eltern.
Vor morgen.
Vor der Polizei.
Verstecken als Spiel.
Aus Ratlosigkeit.
Aus Angst.
Aus Liebe.
Aus Trotz.
Verstecken,
ausgeschlossen sein,
vergessen sein.
Allein,
zu zweit.
Versteckt
die Kinder,
die Mörder,
die Unschuldigen,
die Gläubigen
und den Rest irgendwie dann auch.
Und wer muss sich als Nächstes verstecken?
Suchen
nach der Ablenkung.
Nach der Wahrheit.
Nach dem Gott.
Nach dem Glück.
Nach dir.
Suchen
allein oder
im Rudel.
Notwendig
oder nicht.
Im Geist
und manchmal auch mit Waffen.
Suchen und stöbern.
Schnüffeln und durchkämmen.
Suchen
nach Menschen,
Tieren
und der Liebe.
Hetzen, jagen, töten.
Nur nicht nach der Menschlichkeit suchen.
Denn du könntest ja zufällig auf sie stoßen.
Und was dann?