Ist eigentlich schon einmal jemanden aufgefallen, dass ich hier zwar recht viel über das Thema Finanzen schreibe, allerdings einen der wichtigsten Schlagworte innerhalb der sozialen Medien versuche auf Teufel komm raus zu meiden? Ich kann natürlich nicht dafür garantieren, dass es mir vielleicht doch einmal an der einen oder anderen Stelle heraus gerutscht ist. Wer aber einmal ein wenig bei Youtube Videos aus dem Bereich gesehen hat, wird sicherlich bereits einmal über den Begriff „Finanzielle Freiheit“ gestolpert sein.
Wieso meide ich den Begriff nun aber hier eigentlich? Zum einen natürlich, weil es inzwischen von fast jedem genutzt wird und er eben entsprechend abgedroschen ist. Überall wird einem gesagt, was man tun muss, damit man endlich finanziell frei sein kann. Das dies wichtig und ein erstrebenswertes Ziel ist, da besteht zweifelsfrei Konsenz. Aber was ist eigentlich „finanzielle Freiheit“ und wie definiert man es?
Fast jeder Mensch wird darunter etwas völlig anderes verstehen und entsprechende finde ich es nicht gut eben ein solch unidentifizierbares Ziel zu nutzen und damit Menschen Hoffnungen zu machen, die am Ende überhaupt nicht realistisch sind. Er suggeriert eben, dass man „finanziell“ so „unabhängig“ sein kann, dass man nicht mehr abhängig von irgend jemanden ist und quasi machen kann, was man will.
Aber wieviel braucht man eigentlich um wirklich „frei“ zu sein? Bereits wenn man ein wenig darüber nachdenkt, wird man schnell zu den Schluss kommen, wie abstrus er für sich genommen ist. Lebe ich alleine? Habe ich vielleicht noch jemanden um den ich mich auch finanziell kümmern muss? Eltern, Lebenspartner, Kinder? Denn wäre man wirklich frei, wenn man selbst genügend Geld hat, aber das engste Umfeld dann am Hungertuch nagt?
Und selbst wenn man egoistisch ist und nur für sich leben möchte... wieviel braucht man eigentlich so zum Leben? Viele Menschen werden bereits an einer solchen Fragestellung gnadenlos scheitern, weil sie überhaupt kein Haushaltsbuch führen. Gut, ich kann genau sagen, was ich jedes Jahr in unterschiedlichen Budgets so ausgebe, aber nur wenige Menschen machen sich wirklich die Mühe. Wie sollen diese dann in der Lage sein „frei“ zu leben, wenn sie nicht einmal wissen, was sie brauchen?
Dabei spielt ja gerade auch noch die eigene Preferenz immer eine sehr übergeordnete Rolle. Wenn ich wirklich frei sein will, heißt das dann nicht auch, dass ich meine Träume leben kann. Nun auch daran scheitern bereits viele und wissen eigentlich gar nicht so genau, was sie als Ziel anstreben. Für den einen ist vielleicht der Traum einen Ferrari oder einen Porsche zu fahren und erst damit wird ein erfülltes Leben für sie denkbar.
Mich lässt das halbwegs kalt. Ein Auto ist ein Transportmittel, was mich von A nach B bringen soll. Je sicherer, günstiger und schneller, umso besser. Und ja, es soll ja sogar Zeitgenossen geben, die überhaupt nichts von einem Auto halten. Sei es nun, weil sie in der Stadt leben oder eben einfach gerne sich ein wenig sportlich betätigen und eben gerne mit dem Rad fahren.
Jeder Mensch hat somit andere Ziele und eben auch Statussymbole, die ihm im eigenen Leben wichtig sind. Und würden sich zwei Menschen mit ihren Träumen vorstellen – einer mit dem Porsche, der andere mit einem Rad – ja, wer würde vermutlich von den beiden zuerst seine finanzielle Freiheit erreichen? Kaum einer wird wohl daran zweifeln, dass es der mit dem Rad sein wird.
Und ja, der Zyniker in mir erkennt sogar in einem positiv besetzten Begriff wie „Finanzielle Freiheit“ auch noch etwas morbides. Denn ist es wirklich erstrebenswert „frei“ um jeden Preis zu sein, wenn man am Ende dann doch nur ein Sklave des Marktes und der Charts wird. Irgendwie dünkt es mich, dass auch dies vielleicht trotz einer guten finanziellen Absicherung noch lange keine echte Freiheit darstellt.
Noch gefährlicher ist es aber eben, wenn man mit einem solch pauschalen Konstrukt den Menschen ins Gesicht sagt, dass sie alle „frei“ werden können. Dies macht bereits aus marktwirtschaftlicher Sicht keinen wirklichen Sinn. Und eben spielt die eigene Historie auch immer eine Rolle. Immerhin kann man im Leben einige Entscheidungen treffen, die einem nachhaltig die Chance auf eine echte „finanzielle Freiheit“ verbocken. Sei es eben, weil man einfach bereits sehr alt ist oder vielleicht einem Bildung nie besonders am Herzen gelegen hat.
Nein, ich denke, dass ein solcher Begriff vorwiegend dem Marketingzweck dient, weil er etwas ist von dem wir träumen. Jeder von uns hat eben einen dieser Tage an denen er gerne seinem Arbeitsgeber unter die Augen treten würde, zwei ausgestreckte Finger zeigen würde und mit einem fiesen Grinsen in das entsetzte Gesicht blicken würde. Einfach nur, weil man es kann und keine Angst mehr davor haben müsste, wie man dann den Rest seines Lebens verbringt. Ja, warum meint ihr den, dass soviele Menschen so gerne Lotto spielen. Nur einmal im Leben den 6er!
Nicht umsonst antworten die meisten auf die Frage, was sie dann tun würden: Kündigen und vielleicht etwas Urlaub! Weil man eben aus dem Hamsterrad entfliehen will in dem die meisten von uns gefangen sind und sich permanent abrackern. Weil die meisten von uns ihrem Beruf nicht nachgehen, weil er eine Berufung ist, sondern weil es eben eine ausreichende Tätigkeit ist bei der man seine Lebenszeit gegen Geld eintauschen kann. Fast jeder wüßte mit seiner Lebenszeit etwas besseres anzufangen. Das ist es, warum die „Freiheit“ hier als Utopie so glänzt.
Ja und eine fast dunkle Seite in mir möchte Euch fast entgegen höhnen: Ihr werdet niemals frei sein! Nicht weil ich es Euch nicht gönnen würde. Sondern weil die Statistik schlichtweg gegen Euch arbeiten wird. Wer aber eben mit absoluten Zielen arbeitet, wird nun einmal besonders oft im Leben enttäuscht werden. Pareto is the answer! Wieso muss es denn immer gleich 100% sein, manchmal ist es wesentlich einfacher sich mit 80% zufrieden zu geben und nicht seine ganze Zeit in die letzten 20% zu stecken. Wer mit Pareto nichts anzufangen weiß, sollte sich unbedingt mal damit befassen (https://de.wikipedia.org/wiki/Paretoprinzip)
Es ist einer der wichtigsten Prinzipien, die ein BWLer recht früh in seinem Studium lernt. Böse Zungen behaupten sogar, dass sie in den Semestern darauf zu Experten in dessen Anwendung werden ;) Vielleicht muss man ja nicht frei sein, sondern kann seine Situation einfach nur so gut verbessern, dass man relativ frei leben kann.
Mein Kampfbegriff ist daher nicht „finanzielle Freiheit!“, sondern „finanzielle Bildung!“. Dies geht immer! Und egal welches Bildungsniveau oder mit welchen Startkapital wir in dieser Welt uns bewegen, wir können immer etwas daran verbessern. Der eine sollte vielleicht einfach einmal damit anfangen zu lernen, wie dieses Prozentrechnen eigentlich geht. Es ist nämlich erstaunlich wieviele Defizite einige Menschen gerade dort haben und es ist wirklich ein Niveau mit dem eigentlich jeder klar kommen sollte. Würde er nur endlich Mal die Zeit dafür nehmen. Einfach mal Abends nicht den neue RTL2-Hirntod über sich ergehen lassen, sondern einfach mal dran setzen.
Was jeder machen kann, dass unterscheidet sich von Person zu Person. Der eine eignet sich vielleicht endlich mal solide Kenntnisse in Prozentrechnen an, um zu erkennen, wann er von der Bank über den Tisch gezogen wird. Ein anderer liest sich in Steuern ein, um endlich mal zu verstehen, was der Steuerberater da eigentlich die ganze Zeit fasselt und wieso sich Leute bei bestimmten Themen immer so aufregen.
Ein anderer fängt an zu lernen wie man vernünftige Budgets macht und besser mit seinem Geld auskommt. Wieder ein anderer hat vielleicht unlängst genügend Geld und muss einfach nur lernen dieses auch bewusster zu konsumieren, weil er eigentlich bereits alles hat und sich trotzdem irgendwie leer fühlt. All dies sind Dinge, die jeder von uns mit etwas Zeit erreichen kann und das sogar ohne irgend ein Kapital.
Bei finanzieller Bildung geht es immer darum sich mit dem Spielregeln zu befassen, die wir innerhalb unserer Wirtschaftsordnung spielen. Denn wer die Regeln nicht versteht, wird auch stets das Gefühl haben beschissen zu werden. Dabei sollte man sich auch einmal versuchen von Stereotypen zu lösen. Nicht jeder der an der Börse unterwegs ist, ist automatisch eine herzlose Heuschrecke. Ja, es soll ja sogar Leute geben, die aus ideologischen Gründen dort unterwegs sind um Firmen umzulenken oder Gewinne danach zu spenden.
Die meisten Menschen fühlen sich durch solche Themen aber eben immer so oft belastet, weil sie unbewusst merken, wie wenig sie eigentlich darüber wissen. Meist nimmt man dann eine polemisch Trotzhaltung ein und meckert darüber, dass X oder Y schuld an ihrer Situation sind, anstatt eben Verantwortung zu übernehmen. Ja, selbst wenn man nicht selbst davon profitieren will, kann man am Ende ja auch noch einen Steuerverein aufmachen und den geknechteten dieser Welt dabei helfen.
So manch einer der erst einmal angefangen hat sich damit zu befassen, wird merken, dass viele finanzielle Themen nicht notwendigerweise staubtrocken sind. Ja, es kann sogar manchmal regelrecht Spaß machen sich damit zu befassen und das gelernte in der Praxis anzuwenden.
Wer diesen Weg allerdings eine Weile geht, wird merken, dass ihm auch automatisch mehr Geld zugeflogen kommt. Vermutlich wird man nicht „frei“ dadurch, kann aber sich und anderen ein besseres Leben ermöglichen. Oder eben auch einfach nur lernen am Ende besser das zu schätzen wissen, was man bereits hat.
Jedem dem das Thema Finanzen in irgend einer Weise zusagt, sollte sich daher konkret fragen, was er eigentlich erreichen möchte. Was seine Ziele sind und wofür er sich überhaupt damit befassen will. Nicht für jedes Ziel im Leben braucht man viel Geld. In jedem Fall ist es aber immer gut sich in den Bereichen entsprechend fortzubilden. Ein Investment in sich selbst ist etwas, dass sich am Ende üblicherweise sogar besser als der Aktienmarkt auszahlt.
Am Ende ist eben „Wissen doch macht“, allerdings hat die Arbeiterschaft den wahren Kern eben dieser Aussage im Laufe der Zeit vermutlich vollends vergessen...