Eigentlich müsste auch diese Ausgabe des BRenNgLAS-Wochenrückblicks zwischen den Anführungszeichen einer Sonderausgabe erscheinen, doch scheint mir der dadurch angefachte Medienrummel angesichts der Tatsache, bereits vor vierzehn Tagen mit dem offenen Brief an diesen Paukenschlag gewagt zu haben, äußerst überzogen.
Und doch wird dieser Rückblick ein anderer sein, als ihr ihn gewohnt seid. Die Schuld daran nehmen freiwillig auf ihre Schultern ,
,
und letztendlich
mit der von ihr ins Leben gerufenen Book-Challenge.
Eigentlich trug ich mich überhaupt nicht mit dem Gedanken an dieser Aktion teilzunehmen. Das hat überhaupt nichts mit einer Wertschätzung zu tun, sondern beruht auf der Tatsache, hier im BRenNgLAS-Wochenrückblick bereits seit geraumer Zeit Woche für Woche ein Buch vorzustellen, von dem ich der Meinung bin, es hätte viele Leser verdient. Damit erfülle ich wohl alle Kriterien der Buch-Challenge. Da ich nun jedoch mehrfach eingeladen wurde, unabhängig von meinen Buchtipps meine Lieblingsbücher vorzustellen, wäre es geradezu unhöflich diesen Einladungen nicht zu folgen.
Hier also eine kurze Übersicht über die Themen, die euch heute im Wochenrückblick erwarten.
Inhaltsangabe:
- Beginnen möchte ich heute mit einer vor wenigen Tagen gemachten Beobachtung, die sich nahtlos in ein Bild einfügt, welches mir
freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.
- Direkt im Anschluss an die Impressionen, eingesammelt in der kroatischen Hauptstadt, wende ich mich den handlichen Teilen zu, die mich (seit ich kapiert habe, was Bilder sind) Tag für Tag durch mein Leben begleiten. Ohne nicht zumindest ein Kapitel am Tag gelesen zu haben, wird dem Abend nicht das Licht abgedreht.
- Musikalisch mache ich euch mit zwei Damen bekannt, wobei eine der beiden Künstlerinnen kein unbekanntes Gesicht ist, während die Kollegin mit ihrem Debut-Album die Kritik begeistert.
- Anstatt, wie üblich, mich nach der Musik dem Tagesgeschehen zuzuwenden, komme ich dann noch einmal auf die bedruckten Seiten zurück und hoffe mit meinen Buchvorstellungen alle Fragen aus dem Weg geräumt zu haben.
- Der Aufruf zu einem fairen Miteinander soll uns daran erinnern, dass es sich offensichtlich noch immer nicht überall herumgesprochen hat, wie verletzend Worte sein können.
- Der Hinweis auf die Seiten, die vollgepackt mit interessanten Beiträgen oder guter Musik sind, bilden beinahe den Abschluss dieser Ausgabe, wäre da nicht noch
- das Impressum mit der Adresse für die Leserpost.
Viel Lesevergnügen mit dem BRenNgLAS-Wochenrückblick!
#Fotogedanken - Der Tag, der jedem anderen gleicht
Wie lange dauert die Carmina Burana? Ganz genau könnte ich es möglicherweise sagen, wenn ich mich auch nur halbwegs auf Carl Orffs Werk konzentrieren könnte, das via Kopfhörer in meine Gehörgänge strömt. Ein kurzer Blick auf die große Standuhr, hier auf dem ehemaligen Platz der Republik in Zagreb, gibt mir die Antwort.
Etwas länger als eine Stunde habe ich nun diese ältere Dame beobachtet, wie sie ganz gemächlich ihr Fahrrad Runde um Runde über die gepflasterten Steine an dem Denkmal vorbeischiebt, auf dem der Mann hoch zu Ross sitzt, nach dem der Sammelpunkt der Hauptstädter und Touristen heute benannt ist: Ban Jelačić.
Könnte der so verehrte Graf nur sehen, welche Tragödien sich hier zu seinen Füßen abspielen, er würde wohl seinem Gaul die Sporen geben, hoch auf den Hügel reiten, auf dem das Parlament seinen Platz hat und den realitätsfernen Berufspolitikern die Rosa Brille von der Nase reißen.
Diese Dame, deren Erscheinungsbild und ihre penible Sorgfalt mich so sehr in den Bann gezogen haben, kann (meiner Schätzung nach) wohl auf eine Lebenserfahrung von über sechzig Jahren zurückblicken. Ob sie je auch nur einen Gedanken in der sogenannten Blüte ihres Lebens an die Vorstellung investiert hat, wie ihr Leben im Alter aussehen wird - ich wage es ernsthaft zu bezweifeln.
Ihre Gesichtszüge bezeugen, dass keine drei Meter von mir entfernt sich eine Frau nach einer weggeworfenen Flasche bückt, die sich ihrer Attraktivität wohl bewusst war. Bereits die Art, wie sie ihr jetzt ergrautes Haar am Hinterkopf zusammengesteckt hat, zeigt wie sehr sie, trotz der äußeren Umstände, den Eindruck zu vermeiden sucht, ein Bild der Verwahrlosung abzugeben.
Der anthrazitfarbene Umhang, der locker über ihren Schultern liegt, soll wohl Schutz gegen die immer wieder schnell aufziehenden Frühlingsgewitter bieten, die in dieser Region keine Seltenheit sind. Die Tatsache, dass das sichtlich in die Jahre gekommene Kleidungsstück ein paar Nummern zu groß für den schlanken Körper scheint, spielt für mich und garantiert auch für die Trägerin lediglich eine sehr weit untergeordnete Rolle.
Viel mehr Sorgen bereiten mir zwei andere Dinge, die durch das klapprige Fahrrad und die beiden riesigen Plastiktaschen, die links und rechts am Lenker hängen, leicht übersehen werden.
Die Frau steht mit nackten Füßen in Halbschuhen, die diesen Namen eigentlich gar nicht mehr verdient haben. Es sind viel mehr Plastiksohlen mit einer undefinierbaren Umrandung, welche von hellblauen Schnürsenkeln zusammengehalten werden. Alleine die Vorstellung, wie diese Füße am Abend aussehen könnten, lässt mich erschaudern.
Ich spiele einen Augenblick mit dem Gedanken sie zu bitten mich in ein Schuhgeschäft zu begleiten, damit ich wenigstens in dem Bereich den Schmerz lindern kann. Doch als mein Blick weiter nach oben wandert, an das, was der Stoff des langen Rockes an Bein freigibt, muss ich schlagartig erkennen, dass die Schuhe überhaupt nicht das Problem sind. Diese Frau hat offene Beine. Entzündete, nicht verheilte Wunden haben das erobert, wo normalerweise die Haut sein sollte.
In Kroatiens Hauptstadt schiebt eine ältere Dame Runde für Runde, Tag für Tag sich, ihr Fahrrad und die sich immer weiter füllenden Plastiktaschen um den ehemaligen Platz der Republik. Das Aushängeschild des Staates. Sie wird es so lange tun, bis sie an einer Blutvergiftung stirbt. Dann liegt sie da, wie diese leere Flasche neben dem Denkmal mit dem stolzen Grafen auf dem großen Pferd.
Die Frage wird sein, wer sie dann auflesen wird?
Bücher, die mich aus dem trüben Alltag entführten
Zu dem kleinen Paket, das ich heute für euch zusammengeschnürt habe, muss ich noch ein paar Anmerkungen anfügen.
Ich verzichte hier ganz bewusst auf Autoren der Weltliteratur oder Bücher, die allgemein als Klassiker bezeichnet werden. Wer die Wahlverwandtschaften noch nicht gelesen hat, der sollte dies dringend nachholen und damit auch den Respekt vor großen Namen ablegen. Ob Goethe, Schiller, Mann, Kleist oder wie immer sie auch heißen, deren Werke brauche ich nicht zu erwähnen - man beißt sich an ihnen fest oder lässt sie ganz links liegen.
Robert Schneider - Schlafes Bruder
Das Buch erzählt die Geschichte eines kleinen österreichischen Dorfes. Es erzählt die Geschichte von Elias, Elsbeth und Peter. Liebe Tragik, Genialität, Frühreife, Vorurteile und Ablehnung - all das hat Robert Schneider in den Schlafes Bruder gepackt und so fesselnd beschrieben, dass ich ihm sogar seine Leidenschaft für das Orgelspiel verziehen habe.
Ähnlich Gutes brachte der Autor leider nicht mehr zustande.
Die Marx Brothers Radio Show
Dieses Buch basiert auf den legendären Live-Auftritten der Marx Brothers in New York. Wer Humor als Medizin schätzt, der sollte dieses Buch im Arzneischrank stehen haben.
Die absurden Ereignisse in der Anwaltssozietät haben in den vergangenen sechs Jahrzehnten kein bißchen Staub angesetzt. Wie der Rechtsverdreher Waldorf T. Flywheel alias Groucho Marx seine Klienten hintergeht, sein minderbemittelter Assistent Ravelli alias Chico Marx die Konfusion ins unermeßliche steigert und selbst Miss Dimple, die gute Seele, vor der Heimtücke ihrer Vorgesetzten kapituliert – all das wäre ein Lehrstück für so manche müde Demonstration des zeitgenössischen Humors.
Billie Ellish - When we are all asleep, where do we go?
Von der Kritik wir sie bereits als die neue Lady Gaga bezeichnet. So weit würde ich nicht gehen, doch ist es ein hörenswerter Versuch dem Mainstream Pop ein wenig zu entfliehen.
Billie Eilish - bad guy
Billie Eilish - bury a friend
Annette Louisan - Kleine große Liebe
Ich habe dieses Album (und da bin ich ganz ehrlich) in die Auswahl mit aufgenommen, da ich die Texte und die wunderbare Leichtigkeit der begleitenden Musik der Künstlerin einfach mag.
Annett Louisan - Die schönsten Wege sind aus Holz
Heinz Strunk - Fleisch ist mein Gemüse
Wie es ist, in Harburg aufzuwachsen, das weiß Heinz Strunk genau. Harburg, nicht Hamburg. Mitte der 80er ist Heinz volljährig und hat immer noch Akne, immer noch keinen Job, immer noch keinen Sex. Doch dann wird er Bläser bei Tiffanys, einer Showband, die auf den Schützenfesten zwischen Elbe und Lüneburger Heide bald zu den größten gehört.
Aber auch das Musikerleben hat seine Schattenseiten: traurige Gaststars, heillose Frauengeschichten, sehr fettes Essen und Hochzeitsgesellschaften, die immer nur eins hören wollen: "An der Nordseeküste" von Klaus und Klaus.
Sehr mitfühlend beschrieben auch der ewige Kampf der Mutter mit und gegen die Depressionen.
Arno Geiger - Es geht uns gut
Philipp Erlach hat das Haus seiner Großmutter in der Wiener Vorstadt geerbt, und die Familiengeschichte, von der er definitiv nichts wissen will, sitzt ihm nun im Nacken. Arno Geiger erzählt sie, als sei sie gegenwärtig: Von Alma und Richard, die 1938 gerade Ingrid bekommen und nichts mit den Nazis zu tun haben wollen. Vom fünfzehnjährigen Peter, der 1945 mit den letzten Hitlerjungen durch die zerbombten Straßen läuft. Von Ingrid, die mit dem Studenten Peter eine eigene Familie gründen will, und von Philipp, dem Sohn der beiden. Arno Geiger gelingt es, ein trauriges und komisches Jahrhundert lebendig zu machen.
Ganz zum Schluss möchte ich noch ein paar Worte zu einem Buch verlieren, das mehrheitlich von Menschen beurteilt wurde, die es nie gelesen haben.
Eine Angewohnheit, die der Kritiker (egal ob Profi oder Amateur) sich ganz schnell abgewöhnen sollte.
Charlotte Roche - Feuchtgebiete
Einen lauteren Schrei nach der vermissten Zuneigung der Eltern habe ich selten in gedruckter Form zwischen meinen Händen gehalten. Absolut lesenswert!
Bis zur nächsten Woche wünsche ich euch alles erdenklich Gute,
der Chefredakteur
Hinweise auf lesens- und hörenswerte Beiträge:
Der Wegweiser für alle, die das für sie Wichtige suchen: steemwiki
Wer interessiert am Jazz ist, der findet hier was: #jazzfriday
Soll es was ganz Leckeres für den Magen sein: #w74-rezepte
Kurzgeschichten oder Ausflüge in die deutsche Sprache, dann wird man sicher fündig unter: #ganzwenigtext
Alte Ausgaben des Wochenrückblickes liegen hier: #wochenrueckblick
Mahnende Worte von der Kanzel herab (oder von wo auch immer): #sonntagspredigt
Nicht zu vergessen: BRenNgLAS