Diesen Post mache ich auf Grund einer Frage unter einen der vorherigen Beiträge. Ich versuche dabei zu erklären, wieso Konsum eine Sache ist, die im Laufe der Zeit wirklich wertvoller wird und wie der Aspekt von Zinsen damit einher geht. Das Ganze ist Bestandteil der allgemeinen Volkswirtschaftslehre und erklärt Abstrakt die Zusammenhänge des großen Ganzen, was keineswegs bedeuten soll, dass man die einzelnen Aspekte davon nicht durchaus kritisch hinterfragen kann (und auch sollte!).
Egal, ob nun bei einer Investition oder eben dem Konsum wird oftmals ein sehr wichtiger Aspekt vergessen. Dieser erscheint auf den ersten Blick nicht besonders relevant, wenngleich wir allesamt ihm eigentlich sofort zustimmen würden. Ich weiß noch ganz genau, wie unser VWL-Professor uns damals ein Gedicht mitgebracht hat, um ein klares Statement zu setzen, dass er den Aspekt für sehr wichtig hält und deswegen so ganz anders präsentiert als man es sonst von ihm her gewohnt gewesen ist. Es trete sich dabei über Vergänglichkeit und der Zeit.
Gerade die Jüngeren unter uns kennen sicherlich die Situation, wenn jemand aus der Familie mal wieder mit einem „Alles wird immer teurer“ oder „Heute gibt die Jugend soviel für XY aus!“ oder „Ihr habt heute ja viel mehr!“ heraus kommen. Man ist oft gewillt dies als reines Gejammer abzutun, würde sich aber dabei zu einfach machen und sollte vielmehr verstehen wieso dies ein immer wiederkehrendes Thema ist. Den es ist ein Symptom dafür, dass der Mensch extrem schlecht darin ist mit Zinseszins-Effekten umzugehen und diese im Kopf zu berechnen.
Hat also die 60-jährige Oma mit 20 Jahren einen 1€ gehabt (Okay, okay, nehmen wir es mal an, um es einfach zu gestalten ;)), dann würde dieser in der heutigen Zeit einen Wert von 2,20€ haben. Und dies bereits, wenn wir von einer mageren Inflation von 2% ausgehen würden. Würde sie nochmals 20 Jahre altern, wären wir schon bei einem Betrag von 3,28 €. Es ist also nicht verwunderlich, dass gerade die älteren Leute ständig den Eindruck haben, dass Dinge sich verteuern – selbst wenn man objektiv nachweisen kann, dass entsprechende Preise im Zeitraum stabil sind.
Aber es nagt eben eine gewisse Inflation an allem, was wir so konsumieren und damit auch ständig die Preise nach oben treibt. Wir kriegen für den Euro immer weniger Dinge eingekauft. Diese Inflation wird oft als „Preiserhöhung“ abgetan, da die Supermärkte eben nicht ständig die Preise aktualisieren, sondern oft warten und dann auf einem Schlag einen guten Sprung nach oben geht.
Wer aber die Preise objektiv vergleichen will, muss die Preise um den Zinseszins-Effekt bereinigen und auf den damaligen Zeitwert zurück rechnen. Das hört sich im ersten Moment erstmal recht einfach an, kann in der Praxis aber durchaus trickreich sein, da man eben doch abschätzen muss und man somit leicht eine Milchmädchenrechnung macht.
Ignoriert man somit wirtschaftliche Faktoren wie z.B. die aktuelle Produktionslage würde man als Beobachter sehen, dass die gleiche Schokolade im Laufe der Zeit auf Grund der Inflation ständig teurer wird. Wir treten nun aber einmal aus der Rolle heraus und machen einem Menschen ein unmoralisches Angebot! Wir schenken ihm eine Tafel Schokolade und er muss sich entscheiden. Er kann sie entweder jetzt bekommen oder erst in 30 Jahren.
Defacto würde es eigentlich keine Rolle spielen. Er würde in 30 Jahren einen höheren Wert damit erzielen, da der Preis für die Schokolade steigen würde. Das Produkt für sich würde ja eben gleich bleiben. Beide Optionen würden also eigentlich für ihn gleichwertig sein. Aber wie würdet ihr in dieser Situation entscheiden? Die meisten Menschen würden sich dafür entscheiden die Schokolade sofort anzunehmen!
Zum einen eben, weil wir als Spezis einen Gegenwartskonsum als wichtiger empfinden als einen künftigen. Irgend jemand Hunger bekommen, weil wir die ganze Zeit von Schokolade reden und der Schrank leer ist? So sind wir nun einmal... ;)
Und zum anderen eben, da die Zukunft immer ein Risiko darstellt. Je weiter etwas in der Zukunft liegt, umso unsicherer wird es. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir hier einen Verrückten vor uns haben und wir ihn in 30 Jahren nicht wieder sehen werden, würden wir doch als recht groß einstufen! (Übrigens eine Denkweise, die man auch mal bei Bänkern im Hinterkopf haben sollte, die bei so manchem Ende eines „lukrativen“ Angebotes bereits unter der Erde sind ... ;))
Problematischer würde die Entscheidung für die Person dann werden, wenn wir eben einen Zins mit ins Spiel bringen würden und der Person sagen würden, dass wir sie für diese lange Wartezeit entschädigen würden. Statt einfach nur die Inflation auszugleichen, legen wir noch etwas mehr oben drauf, so dass er in 30 Jahren mehr Scholoade haben würde als jemand der diese zum jetzigen Zeitpunkt verkonsumieren würde. Dann würde der eine oder andere bereits ins Grübeln kommen und vielleicht einwilligen.
Der Aspekt ist eigentlich sehr simple. Der Zins ist der Preis des Geldes, den jemand dafür zahlt, dass er direkt „konsumieren“ kann und nicht auf die Zukunft wartet. Und zwar den Preis in der höhe er jemand anderen bezahlt, damit dieser auf den entsprechenden Konsum verzichtet. Das hört sich sperrig an, ist aber im Kern sehr einfach.
Wenn ich jemanden Geld leihe und der damit ein Haus kauft, verzichte ich auf den Kauf eines Hauses, während er einen Konsum vorzieht, den er sonst vielleicht erst in 40 Jahren haben würde. Dafür, dass ich verzichte, möchte ich eben entschädigt werden in der Hoffnung, dass ich durch den Verzicht künftig besser gestellt sein werde. Die Person kann bereits in jungen Jahren in seinem Haus wohnen und verzichtet dafür auf einen Konsum in der Zukunft.
Ein solches Konzept ist also keineswegs „ausbeuterisch“ oder in irgend einer Form böswillig. Den wie wir festgestellt haben, möchten wir als Menschen eigentlich immer konsumieren. Wieso sollte alos jemand auf seinen Gegenwartskonsum verzichten? Und wieso sollte jemand der ständig am konsumieren ist, künftig genauso gut gestellt sein, wie jemand der bereitwillig zurück getreten ist? Das Konzept ist in sich eigentlich ziemlich fair und zeigt eben auch, wieso es hier scheinbar zu einer Wertsteigerung im Laufe der Zeit kommt.
Würde es ein solches Konzept nicht geben und alle nur konsumieren, würde wir uns ständig um knappe Güter kloppen und gegenseitig die Preise in die Höhe treiben. Am Ende würde vermutlich niemand in einem eigenen Haus leben oder höchstens eben für ein paar Jahre am Ende seines Lebens.
Grundsätzlich ist ein Kredit auf Konsum immer auch sehr kritisch zu sehen, da man sich eben fragen muss, ob man diesen wirklich braucht. Auch muss man sagen, dass jemand der ein Haus kauft keineswegs eben dieser verkonsumiert. Immerhin ist dies ja kein Hexenhäuschen, sondern er hat ja einen Gegenwert und spart vielleicht eben die Miete. Somit hat das ganze eben auch einen Investitionscharakter und ist somit durchaus vernünftig.
Besonders krass wird dies dann, wenn ein extrem starkes Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich vorliegt. Stellen wir uns ein Entwicklungsland vor, dass nicht an einem Kreditwesen angebunden ist. Wir würden die Menschen dort dazu verdammen auf Ewig mit Harke und Schaufel über die Felder zu laufen und bis an ihr Lebensende hart zu arbeiten. Bei einem aktiven Kreditwesen, erlauben wir ihnen Geld aus der Zukunft vorzuziehen und sich bessere Ausrüstung zu holen mit dem Ziel, dass der Arbeitsaufwand sinkt oder zumindest die Erträge dadurch in der Zukunft steigen. Welcher dieser Ansätze ist nun mehr Ausbeutung? Als ich jung war hätte ich klar gesagt, dass das Kreditsystem Ausbeutung ist, da der Arme eben seines Zukunftskonsums beraubt wird. Natürlich wäre es für ihn besser, wenn wir ihm die Ausrüstung für lau stellen würden. So sehr viele Menschen ein solches Konzept begrüßen würden, sobald sie aufgefordert werden zu spenden und die Geldbörse aufzumachen, umso mehr sinkt die Begeisterung. Der Konsumverzicht ist eben etwas, dass Menschen nicht mag. Daran können wir nichts ändern, außer vielleicht bei uns selbst.
Belassen wir es dabei, überlassen wir Menschen ihrem Elend. Schnappt man sich aber z.B. einen Bauern aus Botswana, wird man überrascht sein, wie sehr er sich über einen Mikrokredit freut. Den bereits 100€ stellen für ihn ein echtes Vermögen da und erlauben ihn seine Zukunft aktiver zu gestalten. Das dabei 15% und mehr als Zinsen anfallen ist für ihn verstöhrend für ihn aber ein guter Deal. Den die Wahrscheinlichkeit dafür, dass er scheitert sind auch hoch und als Geldgeber säße man mit leeren Händen da.
Hohe Zinsen zeigen also auch immer, dass ein hohes Risiko da ist. Erst wenn das Risiko sinkt oder eben sich viele Kreditgeber gegenseitig unterbieten, beginnen diese zu sinken. An Hand der Zinsen kann man also durchaus sehen, wie es um eine wirtschaftliche Lage im Gebiet bestellt ist. Und gerade z.B. bei P2P-Krediten schlägt man die Zinsen, die die Bank den Leuten abnehmen würde.
Das zentrale Missverständnis bei Zinsen ist, dass diese ein Ausdruck des Wachstums sind und daher bedingt, dass alles ständig wachsen muss. Dies ist aber falsch! Es stellt lediglich den Ausgleich zwischen Gegenwartskonsum und Zukunftskonsum von Personen dar. Sind sich beide Seiten nicht darüber einig, kommt es nicht zu diesem Ausgleich und beide Seiten bleiben gleichgestellt.
So eine einfache Erklärung, was es mit Konsum und Zinsen auf sich hat. Wie bereits eingangs gesagt, gibt es durchaus Aspekte, die man kritisch hinterfragen kann. So kann z.B. ein Kreditgeber die Not einer Person gezielt ausnutzen, da er weiß, dass diese keine andere Möglichkeit hat. Man würde hier von „Wucher“ sprechen. Die Situation selbst entsteht aber eben gerade dadurch, dass es KEIN vernünftiges Kreditwesen gibt, da dies sonst nicht klappt.
Auch zeigt es viele Probleme der aktuellen Bankenkrise (nicht Wirtschaftskrise...) dar. Die Banken haben Zugriff auf einen schier unendlichen Geldfluss, da die EZB ab drucken ohne Ende ist. Der Wert des Geldes sinkt teilweise in den negativen Bereich und ist damit als „wertlos“ einzustufen. Trotzdem wollen Banken kein Geld verleihen, da sie Angst haben welches zu verlieren. Deswegen drückt die EZB die Zinsen immer tiefer um somit den Druck für eine Zwangsverleihung zu erhöhen. Ich will nicht zu sehr darauf eingehen, da es hier durchaus mehrere Interpretationsmöglichkeiten gibt wer Schuld ist und wer geschädigt wird. Unterm Strich ist dies aber von allen Seiten wohl als „Störung“ eines normalen Kreditsystems bezeichnete Situation.
Ich hoffe, dass ich hiermit ein wenig erklären konnte, wie Konsum und Zinsen zusammenhängen. Gerade linke oder ökologische Positionen, die immer wieder das Zinssystem in Frage stellen, sollten sich bewusst werden, dass ein vollständige Verkonsumierung der Gegenwartswerte stets auch in einer unsozialeren und vermutlich auch für die Umwelt fataleren Szenario enden würden. Den eigentlich muss man ja froh sein, wenn jemand auf Konsum verzichtet und damit eben auch Wettbewerb um den Kampf knapper Güter aufgibt.
Was wir nun mit dem Gewinn durch den Konsumverzicht bewerkstelligen ist jedem selbst überlassen. Man könnte die Zinsen ja durchaus auch aufbringen, um diese dann zu spenden. Das wird sogar steuerlich durchaus begünstigt. Interessanterweise nutzen dies dann eben doch die meisten Leute wiederum nicht.