Es ist ja nicht nur der gute , der gerne Nachts unterwegs ist. Ich hatte mal eine ganz unmögliche Kamera im Telefon, ein Sagem irgendwas Acht, mit der ich viele Nachtfotos geschossen habe. Damit war ich oft in der Nacht auf Pirsch. Schon als Kinder sind mein Bruder und ich im Dunklen nicht nur einfach um die Häuser gezogen. Wir haben die tollsten Dinger gedreht. Die Faszination der Nacht zieht sich durch mein ganzes Leben. Immer wieder kam ich in Situationen, dass ich Nachts kilometerweit gelaufen oder gefahren bin. Manchmal richtig maschiert, auch schon mal betrunken, ein nur ungefähr sinnbehaftetes Ziel im Kopf, strich ich durch Straßen, Parks, Siedlungen und Landstraßen. Oft kam ich tagelang nicht nachhause und war unterwegs, wie ein Penner.
Als Familienvater kam ich oft spät heim. Dann habe ich mich noch auf dem Parkdeck herum getrieben, geraucht, geguckt und Grafitty fotografiert. Es war nicht etwa so, dass ich nicht gerne in unsere Wohnung gegangen wäre. Das war es nicht. Ich kam an, habe mich einfach nur wohl gefühlt unbeschadet wieder hier zu sein. War stolz auf das Gerät, einen Volvo 745 mit Schlafsaal hinten dran. Ich wollte mit der plötzlichen Ruhe nach langer Fahrt alleine sein. Wenn eine Stadt menschenleer ist, sehe ich sie anders. Sozusagen im Detail, ganz ohne Gewusel. Dabei ist mir zum Beispiel die absurd schräge, beinahe wilde Architektur unseres Wohnblocks ins Auge gefallen, die man am Tage gar nicht bemerkt.
Oder ein Besuch in Zandvoort. Ein Gasthaus, gesehen durch Eulenaugen. Habe ich schon erzählt, dass ich Holland liebe? Da war ich auch viel des Nachts unterwegs. Amsterdam, als man noch im Vondelpark übernachten konnte, auf dem Land mit Erdklumpen an den Schuhen und barfuß am Meer. Ganz ohne rechtes Ziel. Ich habe in Strohballen geschlafen und wurde sogar mal von einem Mann mit nachhause genommen, der nicht nur ein Gästebett bieten wollte. Da bin ich lieber wieder auf die Straße gegangen.
Die Nacht war schon immer mein Ding. Deshalb bin ich wahrscheinlich auch acht Jahre lang Nachttaxi gefahren. Ich lebe in einer ehemaligen Garnisonsstadt. Obwohl Hanau zu 98 Prozent in Trümmern lag, man konnte vom Schloss im Westen aus, vier Kilometer weiter bis zum Bahnhof im Osten blicken, standen noch alle Kasernen- Da sind die Amerikaner eingezogen. Nachdem sie schon Jahrzehnte hier waren, ich bin praktisch mit Generationen von GIs aufgewachsen, habe ich die Jungs und Mädels dann am Payday gefahren. Pioneer, Hutier, Francoise, Fliegerhorst, Quatermaster und wie die Kasernen alle hießen. „Take me to the Skyline Club!“ Das hat richtig Spaß gemacht. Mit Arbeit hatte das oft nichts zu tun. Ich hatte Unterhaltung. Die Schwarzen waren aufgebrezelt, bis zur letzten Haarlocke und ihre Mädchen – echte Ladies und Spitzenklasse Duft im Wagen. „Stop, where the golden Arches are!“ Da musste ich beim Hamburger halten.
Ich habe noch viel mehr Nachtfotos und Nachtgeschichten. Manchmal ist es ziemlich verrückt gelaufen und als ich dann mit meiner Rose zusammen kam, hatte ich auch schon bald keine Lust mehr auf Taxi. Da habe ich es noch mal tagsüber probiert. Ein Graus! Es hat noch vier Jahre gedauert, von der Nacht an, als Elke zum ersten Mal in mein Taxi stieg und mir aus ihrem Leben erzählt hat, bis ich mit dem Fahren aufhörte. Erzählt haben mir tatsächlich sehr viele Fahrgäste etwas. Es stand wohl auf meiner Stirn: Sprich hier hinein! Vom dümmsten Dussel, bis hin zum erlauchtesten Durchlauchten haben sie alle erzählt. Besonders gerne Nachts. Da waren die Zungen locker. Ich blieb von keiner Geschichte verschont. Einmal hat sich ein Penner in einer Kurve in mein Auto geworfen, um an einen warmen Platz im Krankenhaus zu kommen. Den habe ich in die Notaufnahme gefahren. Schwester Elke hat nur gelacht. Wenn ich einen Fahrgast zur Notaufnahme brachte, habe ich immer ein Weilchen im Schwesternzimmer abgehängt. Das war Nachts viel gemütlicher als zur Tagschicht.
Heute schreibe ich am Liebsten in der Nacht, wenn alle weg sind. Sie sind ja nicht einfach nur weg. Ich weiß sie alle gut aufgehoben. Das ist ein schönes Gefühl. Jetzt bin ich ganz bei mir und niemand will was. Alle schlafen brav in ihren warmen Bettchen und gerade in dem Moment, da ich das hier schreibe, mag ich eigentlich auch schlafen gehen. Ist ja auch wieder ganz schön spät geworden. Gute Nacht.
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Crash Test Dummies on Steem
Sollte sich jemand für den weiteren Verlauf meiner Börsenhistorie interessieren: Alles in bester Ordnung. Ich mache gerade nicht mit und soll ich ehrlich sein? Ist mir auch Wurst, solange die Helden nicht in Aspen schlürfen, noch in Davos ihre Kufen schrammen. Wenn die weg sind, dann kommt er zu mir und legt sich mir in die Arme und ach, dann werden es noch immer 140 Dollar sein.