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angst, schrecken und panik
verlassene orte geraten zunehmend in das visier junger menschen. urban exploration oder abgekürzt urbex wird die bewegung genannt. dieses interesse an verlassenen orten korreliert mit einem gewaltigen umbruch, welchen wir zur zeit erleben. überall wird den menschen medial angst gemacht. schließlich verkaufen sich schlechte nachrichten immer besser als gute. die schlagzeile: "wir werden alle grausam sterben" klingt ja auch viel aufregender als "wir alle werden frei leben". da letzteres scheinbar auch nicht von den elitären zirkeln gewollt ist, gefällt es dem personal in den zentralen der propagandaschriften und propagandaschauen, die menschen permanent in angst, schrecken sowie panik zu versetzen. immer neue themen lassen sich auch finden: waldsterben, zerstörung der ozonschicht, maul und klauenseuche, vogelgrippe, schlimmste diktatoren aller zeiten, die die ganze welt permanent in kriege gestürzt haben, wie kim jong un, trump, gaddafi, assad, erdogan oder putin (wobei durch den friedensfürsten obama vermutlich mehr bomben herabregneten als all diese skrupellosen diktatoren alle zusammen bisher bomben abfeuerten), klimaerwärmung, corona α bis Ω, ... . immer wieder wird eine neue sau durch das dorf gejagt und neue szenarien und geschichten gesucht, erdacht und geschrieben, um die menscheit in panik zu versetzen. vieles sieht dann in der realität etwas anders aus und ist weit weniger dramatisch wie es durch bilder und texte zunächst erscheint.
gerne wird im zusammenhang mit dem weltenuntergang auf diverse schriften oder seher verwiesen. ein beispiel ist die offenbarung des johannes aber auch alois irlmayer wird immer wieder gerne zitiert. übersehen wird dabei allerdings auch gerne, dass am ende der von ihnen geschilderten katastrophen die rede von einem neuen zeitalter und einer besseren welt ist. den fokus legt man lieber auf die katastrophe und das erbauende wird gestrichen.
den mächtigen dieser welt scheint die kontrolle mehr und mehr zu entgleiten, ob gewollt oder nicht, sie haben die menschen durch ihr politisches handeln in ein zunehmendes chaos gestürzt (und die massen sich in dieses stürzen lassen - in dem sie den ihnen auferlegten spielregeln nur allzu gerne folge leisten) welches nun scheinbar nicht mehr aufzuhalten ist. vielleicht sind diese berichte von anstehenden katastrophen und visionen zusammen mit der immer chaotischer werdenden politischen situation grund dafür, dass die zerfallende und sich auflösende architektur/zivilisation reges interesse in der heutigen zeit findet. inzwischen daraus eine ganze bewegung entstanden. ob die faszination an ruinen mit der sich gerade im zerfall befindenden bekannten welt zusammenhängt?
möglich wäre es zumindest, dass die erkundung sowie erforschung von überresten der zivilisation, mit dem interesse korreliert, welche überreste eines tages vom eigenen umfeld übrig bleiben könnten. unsere bekannte welt ist dem untergang geweiht. egal, wie es weiter geht, es wird nicht wieder wie zuvor. ob dies nun bewusst oder unbewusst in dieser szene wahrgenommen wird ist ohne relevanz. es wird sich wohl wenn überhaupt nur retrospektiv klären lassen, in wie fern hier parallelen vorhanden sind.
der anfang vom ende
inzwischen sind die bagger angerollt. der abriss hat seit längerem begonnen. die teils schon schwer beschädigte bausubstanz wird nun endgültig beseitigt und das gelände wird geräumt. die natur muss ebenso weichen wie die alten bauten. letzteres zeugte in den vergangenen jahren von einst besseren zeiten. in den übriggebliebenen trümmern ließ sich nur noch erahnen, was dort von arbeitern erbaut wurde. außer den stechkarten, auf denen die mitarbeiter ihren namen, datum und ihre arbeitszeit dokumentierten, fand sich auf dem gelände kaum mehr etwas, an dem nicht die blinde zerstörungswut, der vandalismus oder die natur spuren hinterlassen hatte. ohne die lettern ganz oben auf dem bürogebäude wäre es wohl kaum mehr zu erraten gewesen, welchem zweck diese überreste unserer zivilisation einst gedient hatten. stürmische zeiten überstand die 1927 gegründete werft, bevor sie nach einer insolvenz 1988 dann im jahre 2002 endgültig unterging und den betrieb gänzlich einstellen musste. aber dies war nicht das einzige tragische ereignis, welches in diesem schicksalhaften jahr mit der werft zusammenhing.
zahlreiche schiffe erblickten an diesem ort das licht der welt, darunter nicht nur binnenschiffe, auch fähren, die ihre heimat noch heute auf der see haben. eine dieser fähren fand im selben jahr ein noch weit tragischeres ende als die 140 angestellten, die plötzlich ihren arbeitsplatz verloren hatten.
zwei tragödien
am 26. september 2002 unter senegalesischer flagge befindet sich eine fähre auf dem atlantik. zahlreiche studenten sind an bord der LE JOOLA, um nach dakar zu gelangen. an bord lässt sich kein ort finden, an dem die vibrationen der beiden dieselmotoren nicht zu spüren sind. über 3000 ps bewegen das schiff langsam durch das wasser. niemand der passagiere an bord ahnt zu diesem zeitpunkt, welche katastrophe sie ereilen würde. angenehm zieht die meeres luft über deck und sorgt ein wenig für abkühlung. das schiff ist gerade zwölf jahre alt, älter sollte es nicht werden. am vormittag gegen 11 uhr gerät das schiff in einen sturm. die immer häftigeren wellen haben verherende auswirkungen. angst und furcht erfüllt die passagiere, auch die besatzung, welche schon einiges erlebt hat erkennt, dass dieser sturm ihr letzter sein könnte. plötzlich geschieht alles ganz schnell. weniger als fünf minuten benötigten die naturgewalten um das schiff zum kentern zu bringen. machtlos müssen die zahlreichen menschen an bord dem tod ins auge blicken. auf dem für gut 500 passagiere zugelassenen schiff, finden an diesem tag weit mehr als doppelt so viele reisende den tod. am ende des tages sollen nicht einmal 70 menschen an bord das unglück überlebt haben. zwanzig stunden trieb die LE JOOLA kieloben auf dem atlantik, bevor sie für immer von der see verschlungen wurde. diese havarie auf see zählt zu den größten nach ende des zweiten weltkrieges. auch wenn die reederei an diesem vorfall keine schuld traf und die verantwortung für die tragödie bei den schiffseignern gelegen haben soll, so ist es doch eine merkwürdige tragik, wie das schicksal dieses schiffes mit dem der werft verflochten ist. so nimmt auch die werft mit dem jahr 2002 ihr ende und stellt den bau von schiffen ein.
seit 2002 erblickte hier nun kein schiff mehr das licht der welt. seit dem wurde hier nur noch erbautes abgerissen, verwüstet, demontiert oder dem zerfall überlassen. das einzige was nach der schließung des werkes noch produziert wurde, war ein tatort im jahre 2009 mit dem titel: „tod am rhein“. einmal mehr, es bestand keine chance dem thema tod und zerfall auf diesem gelände zu entrinnen. daneben offenbarte sich eine erschreckend destruktive ader mancher menschen. es stellte sich auch die frage: wer macht sich die arbeit einen gepflasterten hallenboden so zuzurichten. wollte jemand kabel klauen? war jemand auf einem tripp und hatte zu viel energie? jedenfalls hatte das destruktive verhalten beim fotografen fragen aufgeworfen.
abschied und ein neues kapitel
neben den vielen destruktiven spuren von menschen und dem zerfall gab es aber auch hoffnung. mit ihrem schönen grün eroberte die natur zahlreiche, von menschenhand gestaltete bereiche zurück. gerade solche orte zeigen, neben der vergänglichkeit des menschen auch die größe und genialität der schöpfung, in der wir leben dürfen und welche wir leider viel zu selten schätzen und mit der zu leichtfertig und verächtlich umgegangen wird, so wie jetzt gerade mal wieder die bagger unter beweis stellen.
wo einst arbeiter fleißig ihr geld verdienten, schliefen bis vor kurzem obdachlose. in näher rückender zukunft sollen hier mieter und übernachtungsgäste auf dem gelände eine unterkunft finden. auf dem alten werftgelände sollen nämlich nach dem abriß der alten architekturen neue gebäude errichtet werden. diese entscheidung wurde ende 2018 getroffen.
die freude von ganz verschiedenen menschen. entdecker, skateboarder, fotografen, sprayer und angler hat nun ein ende. auch studenten werden keine mehr kommen, um hier zeit zu verbringen.
über die jahre entstanden zahlreiche interessante bilder an den wänden, bei denen sich erkennen ließ, dass sich die künstler zeit für ihre werke lassen konnten. aber auch erstlingsarbeiten und sprühversuche waren hier zu finden. doch irgendwo musste jeder große graffitikünstler ja einmal anfangen. auch wenn vielen menschen das verständnis und der sinn für solch eine künstlerische ausdrucksweise fehlt, ein spaziergang über das gelände glich einem besuch in einer galerie. zahlreiche bunte kunstwerke von verschiedensten künstlern konnten hier unzensiert betrachtet werden. die unmittelbare kommunikation ist das wunderbare und zugleich das gefährliche (ganz besonders in den augen der mächtigen) an dieser kunst.
auch KÄPT'N KALLE ließ es sich nicht nehmen hier, auf dem alten werftgelände an einer der zahlreichen bunt gestalteten mauern ein lebenszeichen an die wand zu bringen und sein konterfei zu hinterlassen.
nun sind die kunstwerke dabei abgerissen zu werden und gehören wie die ganze werft einer vergangenen epoche an. stehen wir momentan auch an solch einer zeitenwende? jedenfalls zeigt sich auf dem gelände einmal mehr: einzig von bestand bleibt die unbeständigkeit.
nur ist es endlich an der zeit, dass der mensch dazu übergeht aktiv ins handeln zu kommen und verantwortung zu übernehmen. wohin es führt wenn wir uns auf politiker verlassen, sehen wir zur zeit sehr deutlich. ob es sich dabei um die wohnungspolitik in großstädten oder der umgang mit einer krankheit anbetrifft, die liste ist lang. überall wird über die köpfe und den willen der menschen hinweg entschieden und dabei gehen politik, presse und wirtschaft hand in hand. minderheiten werden medial zu mehrheiten und massen schweigen und beugen sich dem diktat. wir sollten unsere stimme nicht mehr bei wahlen abgeben und dann für die nächsten jahre schweigen sondern diese erheben, für etwas neues, etwas besseres. zeit den represalien entgegenzutreten bestimmt "NEIN!" zu sagen und bitte diesmal nicht schon wieder (wie leider schon viel zu oft) von alten kadern, für die von ihnen geschaffenen probleme, gleich erleichtert die von ihnen angebotene lösung mit einem dankbaren "amen" anzunehmen.
der text fällt unter die freiheit meinung in wort, schrift und bild frei zu äußern und der freiheit der kunst.
ein kapitel über dieses gelände findet sich auch in dem im brot&kunst verlag erschienen logbuch eines künstlers. ein post mit weiteren informationen zu dem buch finden sich hier.