Die Vogelgrippe 2. Teil
Was bisher geschah, ist hier nachzulesen: @w74/ein-drama-ohne-vollzogenen-akt-aber-mit-ganz-schlimmen-folgen

Anstatt diesen Fluchtweg, den ihm Emil offerierte, ohne viele Worte für einen geordneten Rückzug zu nutzen, begann der Geistliche erneut mit einer Litanei auswendig gelernter lateinischer Volksweisheiten. Wie nicht anders zu erwarten, riss dem von himmelwärts angeschissenen Altenheimbewohner augenblicklich der Geduldsfaden. Mit einem kurzen Handstreich entledigte er den Deuter göttlicher Zeichen seiner Lupe und knallte ihm das bei Aldi erstandene Teil mit voller Wucht auf die Stirn. Mit dem wohl gemeinten Ratschlag an den Schwarzrock, nun bestünden mehrere Gründe in einen Spiegel zu blicken und an seinem bleibenden Zeichen auf der Stirn, ab sofort auch die Handschrift des Proletariats zu studieren. Dann nahm Emil Hasenclever seine Lebensgefährtin an der inzwischen entfesselten Hand und zog sie aus dem kleinen Pulk verwirrter Grabpfleger, Schaulustiger und Weihrauchschnüffler.
Doch schon nach wenigen Metern war für die beiden Schluss mit der Flucht und dem geplanten Marsch in die Freiheit. Wie aus dem Nichts stand da plötzlich Norbert Krug. Die ein Meter zweiundsiebzig hohe Autorität in der blauen Uniform mit den gelben Streifen.
Norbert Krug, der Einsatzleiter der THW-Spezialtruppe (Katzen im Wipfel des Kirschbaums oder Wellensittiche auf der Suche im Familienstammbaum), hatte das Areal rund um den Friedhof bereits weiträumig mit einem weiß-blauen Plastikband absperren lassen. Ohne dass dieser Mann überhaupt seinen Mund öffnen musste, konnte jeder zufällig vorbei stolpernde Grabpfleger ohne Anstrengungen erkennen – dieser Mann ist das fleischgewordene Stopp-Schild. An ihm geht schlicht kein Weg vorbei.
Dies mussten sich auch unsere gestressten Altersheim-Bewohner notgedrungen eingestehen. Da halfen weder Emils Flüche und Drohungen, noch Ernas Gejammer, ihre, in die Jahre gekommene Blase sei nicht mehr so dicht, wie sie das vielleicht früher mal war. Der Leiter des Technischen Hilfswerks ließ sich durch nichts erweichen und stammelte lediglich alle paar Sekunden Wörter wie: Quarantäne und Sperrgebiet.
Mit einer resoluten Kopfbewegung gab er den beiden geduldig wartenden Müllsäcken grünes Licht zum Betreten der von ihm bewachten Zone. Jeder noch schnell ein Paar Vileda-Putzhandschuhe überstreifend, näherten sich die beiden Mediziner ihren zugewiesenen Forschungsobjekten.
Während der Arzt für Humanmedizin blitzschnell, Erna Bodenkamms Verblüffung ausnutzend, einen Fieberthermometer in ihr linkes Ohr rammte und mithilfe eines groben Holzspachtels versuchte, ihre Zunge bis fast zum Mageneingang zu drücken, blieb der Tierheiler im sicheren Abstand von zwei Metern vor Emil Hasenclever stehen. Denn eines hatte ihn der Umgang mit gefährlichen Lebewesen gelernt – zusammengekniffene Augen und ein Oberkiefer, der permanent seine Zähne freilegt, lassen nicht auf ein freundliches Entgegenkommen schließen.
So verhielt sich der Mann (da aus Leidenschaft im Tierreich beheimatet) instinktiv richtig.
Der bisher unbescholtene Bürger Hasenclever befand sich inzwischen in einem Gemütszustand, der sein Verhalten unberechenbar machte. Ja, fast vergleichbar mit einer angeschossenen Wildsau. Blitzschnell hatte er sich mit einem Griff in die mitgeführte Plastiktragetasche seiner Freundin Else bestens für den drohenden Kampf gerüstet. So stand er nun da – die grüne 5-Liter Gießkanne in der rechten und die kleine Gardena-Gartenhacke in der linken Hand.
Der Tierarzt im gelben Vollkörper-Kondom trat einen weiteren Schritt zurück, versuchte aber gleichzeitig beruhigend auf den wütenden Rentner einzureden. Doch alle Versuche, die darauf abzielten, die rote Gesichtsfärbung von Emil Hasenclever zu reduzieren oder seinen Blutdruck aus schwindelnden Höhen auf ein medizinisch vertretbares Niveau zu bringen, waren von Anfang an zum Scheitern verurteilt.
Hier stand ein rüstiger Rentner, der schon an normalen Tagen kein Problem damit hatte, eine große Schale Reis-Pampe, wie sie ihm im Speisesaal des Altersheimes als schmackhafter Pudding untergejubelt wurde, mit einem gezielten Wurf über zwanzig Meter an die Schwingtür zur Küche zu klatschen. Wäre die Tür offen gestanden, ohne Probleme hätte der fliegende Reis mit Porzellanbesatz seinen Weg bis zum nächsten feststehendem Hindernis fortgesetzt. Solche Aktionen, die ihm immer wieder spontanen Beifall seiner Mitbewohner und bewundernde Blicke seiner Erna einbrachten, lieferte Emil Hasenclever ohne roten Kopf und erhöhten Blutdruck locker aus der Hüfte ab.
Darum wunderte sich auch keiner der umstehenden Gaffer, dass der Mediziner alle weiteren geplanten Untersuchungen ad acta legte und Schutz an der Seite Norbert Krugs suchte. Zumal aus der Menge erste ernst gemeinte Ratschläge an den Rentner zu hören waren.
»Emil, mach sie kalt.«
»Schlag denen die Fresse luftdurchlässig.«
»Zeig ihnen, wo der Bartel den Most holt.«
Wobei der Rufer des letzten Ratschlages sich doch einige strafende Blicke gefallen lassen musste. Denn hier und jetzt waren genaue Anweisungen gefragt und keine Weisheiten aus dem Schatz der deutschen Literatur.
Die Aktivität rund um den Friedhof und die Tatsache, dass zwei ihrer Mitbewohner die Hauptrollen dabei spielten, blieb auch den restlichen Bewohnern des Altenheims nicht verborgen. So durfte es wahrhaftig niemanden wirklich verwundern, dass (außer dem fest angestellten Personal und zwei Problemfälle, deren körperliches Befinden so besorgniserregend war, dass es zu befürchten war, den Friedhof eher liegend in einer Holzkiste zu erreichen, als stehend auf rollbaren Gehilfen) sich der große Rest der Rentnerbande randalierend und mit ausgefahrenen Ellenbogen in den Linienbus mit dem Ziel Friedhof drängelten.
Sogar Therese Kummer aus Zimmer 4, die Drängeleien (und Busfahrten insbesondere) verabscheut, stand unversehens direkt vorn neben einem sichtlich überforderten Chauffeur. Dessen Bitte an Frau Kummer, einen Fahrschein zu lösen und dann gefälligst einen Sitzplatz einzunehmen, beantwortete die Dame mit dem Raffen ihres Rockes bis zur Hälfte ihrer Oberschenkel. Worauf der Busfahrer noch ziemlich locker reagierte und nur bemerkte, dass Krampfadern als Zahlungsmittel leider noch nicht akzeptiert werden könnten. Doch sollte es mal so weit kommen, könne die gnädige Frau getrost für Fernreisen einchecken.
Diese Art von Humor hatte noch nie einen Platz in Therese Kummers kleiner Welt gefunden. Das machte sich nun bemerkbar. Ein übertrieben tiefer Seufzer, ein verwundertes Aufreißen der Augen, begleitend mit der Aufforderung an das Jüngelchen, wie sie den Busfahrer nannte, er solle gefälligst die Karre zum Rollen bringen oder sie presse die eitrigen Mitesser in seinem Gesicht mit ihren Knien aus, überzeugten den Angestellten des ÖPNV von der Sinnlosigkeit weiterführender Diskussionen.
Während im hinteren Bereich des Busses aufgeschnappte Informationsfetzen von den Geschehnissen rund um Emil Hasenclever und Erna Bodenkamm zu einer stimmigen Geschichte zusammengereimt wurden, wirbelte in Therese Kummers Gedanken lediglich der Name Erna Bodenkamm. Wie lange hatte sie auf diesen Moment gewartet? Hatte sie ihr Ziel jetzt endlich erreicht?
Vom ersten Moment an, als ihr Emil Hasenclever im Flur des Altenheims gegenüberstand, hatte Therese nur einen Wunsch. Dieser Mann sollte stets an ihrer Seite sein. Nur er, Herr Hasenclever allein, dürfe mit Geduld und Zuneigung jede einzelne Falte aus ihrem Körper bügeln. Doch zu ihrem großen Leidwesen hatte sich der von ihr Angehimmelte schon längst für jene Erna Bodenkamm als Begleiterin durch Tag und Nacht entschieden. Egal, was Therese auch tat, um Emil tiefere Einblicke auf ihre körperlichen Reize zu ermöglichen. Bis zum heutigen Tag ließ dieser nicht den Funken einer Hoffnung aufkommen, jemals die Lager zu wechseln. Aber, wie gesagt – möglicherweise bis zu diesem Tag!
All das, was Therese Kummer bis jetzt an Informationen zusammenkratzen konnte, waren Begriffe wie Polizei, Großeinsatz, Absperrung, Hubschrauber, THW und städtischer Bauhof. Eindeutige Indizien für zumindest einen Überfall, eventuelle Entführung mit Geiselnahme, vielleicht sogar Totschlag? Ein Schusswechsel nicht gänzlich ausgeschlossen oder eine ähnlich gelagerte Dramatik mit glücklichem Ausgang in ihrem Sinne.
Exakt hier lag der Grund verborgen, weshalb sie das Gerangel und Gedränge im Linienbus überhaupt auf sich nahm. Denn, und in diesem Punkt war sie sich beinahe zu 100 % sicher, Erna Bodenkamm, die naseweise Kuh, hatte stets das Bedürfnis in vorderster Front zu stehen, falls an beliebiger Stelle etwas vonstattengeht auf dieser Welt. Sollte es daher nicht zu erwarten sein, zumal der Friedhof in direkter Reichweite liegt, dass die Bodenkamm auch hier eine Hauptrolle gespielt haben müsste?
So zumindest die Hoffnung von Therese Kummer.
Die war durchaus nicht unbegründet, denn anlehnend an alle Reportagen, die über solche Ereignisse im Fernsehen zu sehen waren, muss immer mit mindestens einem Schwerverletzten oder (gar noch besser) einem Todesopfer gerechnet werden. Dann trifft es meist die dumme Kuh, die der vollen Überzeugung nachhinkt, die Nase immer ganz vorn dabei haben zu müssen. - Erna Bodenkamm.
Exakt diese Frau, in direkter Nachbarschaft zu dem Busfahrer, schien voller Hoffnung, was ihre sexuelle Zukunftsplanung betraf. Denn nicht anders scheint es zu erklären, warum die ältere Dame ihren Haltegriff aufgab und den Bund ihres Rockes über der ausgedehnten Taille aufzurollen begann.
Ein plötzliches Bremsmanöver des Fahrers, kurz vor dem Abbiegen in die Seminarstraße, hatte dann zur Folge, dass Therese zu einem kurzen, aber schmerzhaften Flug in Richtung Windschutzscheibe startete. Beide Hände, die den drohenden Aufprall hätten mindern können, waren leider noch immer zwischen Rockbund und Speckfalte eingespannt. So verblieben einzig die relativ stabilen Dauerwellen, die Frau Kummer als Sturzdämpfer hätten behilflich sein können.
Schlecht geplant, Frau Kummer.
Dem Tagesbericht des Busfahrers ist zu entnehmen, dass beim Einbiegen von der B41 in die Seminarstraße ein Fahrgast weiblichen Geschlechtes plötzlich und ohne vorherige Ankündigung quer durch sein rechtes Blickfeld flog. So schnell sie in diesem aufgetaucht war, so schnell war sie auch wieder aus seinem Blickfeld verschwunden. Das starke Verkehrsaufkommen, ein randalierender Rentnerhaufen in seinem Rücken und keine geeignete Haltemöglichkeit, erleichterten es ihm, den Vorfall auch gleich wieder vergessen.
Zumal aus seinem direkten Duftkorridor kein Jammern oder lästiges Wehklagen zu vernehmen war.
Nachdem sich an der nächsten offiziellen Haltestelle ′Friedhof’ der Bus geleert hatte (so weiter im Bericht des Fahrers nachzulesen) habe er sich nochmals gründlich im Bus umgeschaut, aber keinerlei Auffälligkeit registriert. Sehe man mal vom oberen Teil eines Gebisses ab, das sich anscheinend bei einem Aufprall in einer Nackenstütze verfangen hatte und offensichtlich von seinem Besitzer nicht sonderlich vermisst wurde. Des Weiteren lagen mehrere Fläschchen Kümmerling, ein gebrauchter Blasenkatheter und eine angebrochene Packung ′Doppel-Herz' verstreut auf den Sitzen und dem Fahrzeugboden. Von einem verbliebenen Fahrgast war jedenfalls weit und breit nichts zu sehen.
Nachfragen bei Bewohnern des Altenheims, die an jenem Tag zu dieser Zeit in dem Linienbus zugegen waren und sich an überhaupt noch was erinnern konnten, brachten dann mehr Licht ins Dunkel um den mysteriösen Verbleib von Therese Kummer.
Demzufolge landete Frau Kummer, nach ihrem abrupten Abheben und dem kurzen Flug bis hin zur Frontscheibe, äußerst unsanft auf den Stufen des Busses, die grundsätzlich nur für den Ein- und Ausstieg vorgesehen sind. Ein vorzüglich funktionierender Reflex im Körper der Gestrauchelten schaltete zeitnah zur Landung auf den Stufen ihr Bewusstsein und damit ihr Schmerzempfinden aus.
So lag Frau Kummer, von allen unbemerkt, die letzten paar hundert Meter bis zur Haltestelle ′Friedhof′ absolut regungslos knapp vor der hydraulischen Schwingtür. Es kann davon ausgegangen werden, dass es wohl der überschäumenden Erwartungen der restlichen Fahrgäste zugeschrieben werden kann, endlich den Ort Verbrechens erreicht zu haben, dass beim Verlassen des öffentlichen Transportmittels dem leblosen Hindernis vor dem Ausgang keine besondere Bedeutung beigemessen wurde. Diese Theorie unterstreicht auch die Aussage von Roswitha Schönefeld, die, trotz erheblicher Erinnerungslücken, sich an das Etwas – aber nicht genau Definierbares – auf dem Boden entsinnen konnte. Ihr erster Gedanke, und dieser deckt sich mit Aussagen anderer Personen, bevor sie ihn auch wieder gleich vergaß, war, dass jemand sich unter Garantie nur wichtig machen wollte.
Das Finale, welches sich noch nicht zwischen den Ressorts Tragödie, Drama und Komödie entscheiden kann, hat seinen Auftritt für die nächste Woche angekündigt.