Die Königin behält den Überblick und das Zepter in der Hand
Die Vorgeschichte gibt es hier im Sonderangebot: @w74/dienstag-niemand-klebt-sich-selbst-an-meine-stelle
Ohne viel majestätischen Firlefanz und stinklangweilige Hofetikette, machte sie bereits mit dem ersten Satz zum Thema unmissverständlich klar, dass sie nichts gegen die grassierende Treibhausepidemie einzuwenden habe. Ganz im Gegenteil. Sie wisse sogar relativ sicher, dass ihr Chauffeur ein solches „Teil auf Rädern“ (die staatstragende Umschreibung für Treibhaus) in Auftrag gegeben habe.
Doch, auch das bereite ihr Sorgen, was sei aus dem ursprünglichen Kopfsalat geworden, zu dessen Züchtung sie damals ihr königliches Ja erteilt hatte? Ihr sei von allen Tüftlern fest in die Krone versprochen worden, dass die Köpfe auch ausziehbar sein werden und als Weihnachtsbaum optimal zu nutzen wären. Doch egal wo, wann und wie oft sie es auch schon versucht habe, mehr als welker Blattsalat sei bei solchen Versuchen noch nie herausgekommen.
Außerdem (und dies sollte nicht ohne Erwähnung bleiben) stehe dieses leidige Grün in bedrohlicher Konfrontation mit ihrem ausgeprägten Schöngeist. Ohne ein paar auflockernd wirkende Farbtupfer im nervigen Treibhaus-Grün, sei mit ihr fortan über die Zukunft der Niederlande nicht mehr zu reden.
Eine Drohung, ausgesprochen von oberster Stelle, mit eventuell weitreichenden Folgen.
Keine weiteren Treffen des 'Großen Rates der Tüchtigen', kein Genever-Saufen bis in die erlösende Ohnmacht und natürlich keine weiteren Prognosen über bevorstehende Wochenendbesuche.
Das saß. Das traf schwer. Der Schock war bei allen Holz-Pantinen-Fetischisten nicht mehr aus den Gliedern zu schütteln.
Nachdem Art van Leyen mit seinem Eilantrag, einfach ein paar Tulpen zwischen den grünen Blattwuchs zu pflanzen, so kläglich scheiterte, dass er sogar vom weiteren Genever-Saufen ausgeschlossen wurde, gelang Rob Beerenkamp mit seinem innovativen Vorschlag der entscheidende Durchbruch.
Der bekannte Kufendengler, der seit seines sturen Festhaltens am Wellen- oder Sägeschliff bei Schlittschuhen schon einigen Spott ertragen musste, brachte plötzlich die Tomate ins Spiel.
An diesem Nachtschattengewächs hatte er seinen Wellen-Säge-Schliff bereits bis zur Perfektionsreife getestet. Dass dieser hoch komplizierte Prozess sich so lange hinzog, hatte Rob Beerenkamp dem Umstand zu verdanken, dass die roten Früchte immer aus Spanien oder Marokko eingeflogen werden mussten. Was läge also näher, als ein paar Stangen zwischen die Staubwedel zu stecken und den Tomaten beim Wachsen im eigenen Treibhaus zuzuschauen?
Die letzten Zweifel an der notwendig gewordenen Umstrukturierung der niederländischen Agrarwirtschaft beseitigten die laut artikulierten Gedanken von Ari van der Lent. Dieser erfahrene Matjes-Dompteur schürte mit seinen Worten bei der Königin die Hoffnung, der Kopfsalat könnte sich an den Tomaten ein Beispiel nehmen und auch in die Höhe wachsen.
So wäre der erste Schritt zum Weihnachtsbaum gemacht, wobei Cocktail-Tomaten ihrer vorgesehenen Rolle als Christbaum-Schmuck sicherlich gerecht werden würden. Ein resolutes Kopfnicken der gekrönten Landesmutter bedeutete den Start zur Züchtung von »Christbaumschmuck à la tomate hollandaise«.
Mir ging am Zagreber Hauptbahnhof leider die Zeit aus, weiter nach den exakten Wegen zu suchen, auf denen die ersten Tomatensamen oder sogar schon geschlüpfte Pflänzchen in das »Niedere Land« geschleust wurden. Garantiert, und zu dieser Vermutung gesellte ich mich bei einer Tasse Kaffee in Karlovac, wurden die alten Buren-Kanäle wieder freigeschaufelt, die sich von Südafrika bis Schaffhausen ziehen. Von Schaffhausen aus werden dann alle dubiosen Frachten, die Strömungen des Rheins nutzend, zollfrei nach Holland gespült.
Um nun nicht mit aller Gewalt eine Fußnote aus der Schublade ziehen zu müssen, die von allen Wissbegierigen erst nach einer nervigen Wanderung durch einen verwirrenden Schilderwald am Seitenende zu finden sein wird, nutze ich schnell diesen freien Platz für einen intimen Hinweis:
Bei den Buren-Kanälen, und darauf weise ich ausdrücklich hin, handelt es sich um eine meiner Vermutungen, auf die ich jedoch keine abendfüllende Diskussion aufbauen würde. Es könnte nämlich genauso gut sein, dass Sanne Cronsen aus Alkmaar den Liebesapfel-Samen während einer Reitstunde in Mönchengladbach heimlich zugesteckt bekam.
Es spielt eigentlich auch keine Rolle, da sich der Christbaumkugelgeschmack bis heute grundlegend geändert hat. Falls der Konsument hier überhaupt noch von Geschmack in Hinsicht auf Tomaten-Kugeln reden kann. Zwar kümmerte sich der Kopfsalat auch weiterhin nicht um ungeahnte Wachstumsaussichten an der Seite der Tomaten und schied damit sang- und klanglos aus dem Rennen um den zukünftigen Weihnachtsbaum im königlichen Wohnzimmer aus.
Er nutzte jedoch die plötzlich aufgetauchten Farbtupfer in seinen Reihen gnadenlos aus, indem er einen Presserummel organisierte, wie ihn die Welt seit der ersten erfolgreichen Spaltung des Staubkorns nicht mehr erlebt hatte. Dieser Rummel war auch dringend notwendig, da der gemeine niederländische Kopfsalat in seiner Funktion als Allzweckmittel seit Monaten unter einem extremen Käuferschwund litt.
Schuld an diesen enormen Einbußen waren die cleveren Schweizer, die ihrem in die Jahre gekommenen »Schweizer Offiziersmesser« ein neues Outfit gaben, um damit ernsthaft in Konkurrenz zu den grünen, holländischen Topflappen zu treten. Das neue Erscheinungsbild, das sich dadurch auszeichnete, dass das weiße Kreuz auf dem Griff um ganze 90 Grad gedreht wurde, ebnete den Weg für einen fulminanten Wiedereinstieg in die Verkaufscharts.
Kein Wunder.
Zwar kürten die ersten wissenschaftlichen Experimente, die, Nutzen, Wirksamkeit, Geschmack und Preis in den Vergleich zu konkurrierenden Produkten brachten, das Schweizer Universalgenie eindeutig als Verlierer, doch die Verkaufszahlen sprachen eine vollkommen andere Sprache. Die Tester stellten eindeutig fest, dass der Kopfsalat und das Schweizer Messer im Geschmack gleichwertig einzustufen seien, doch entstünden mit dem Messer während der Verdauung (und hier auffällig oft beim Eintritt in den Dünndarm) ungeplante Rückstaus, die beim Konsumenten zu Furzattacken und unerträglichen Tobsuchtsanfällen führen können.
Außerdem konnte weder in Ghana mit dem Schweizer Markenartikel Hütten abgedichtet, in Paraguay Fenster geputzt noch in Liechtenstein Fliesenböden gefeudelt werden.
Die gewissenhafte, staatlich subventionierte Arbeit der Tester war so nutzlos wie fettige Haare in einer klaren Gemüsebrühe. Jedoch hatte der starrsinnige Käufer entschieden.
Daraufhin musste der niederländische Finanzminister in seinem Etat verzweifelt nach der Notbremse suchen. Der Markt mit den weiß gekreuzten Messern blühte genauso, wie der nutzlos gewordene Christbaum-Schmuck in den hauseigenen Treibhäusern. Zu allem Unglück kam noch hinzu, dass sich die Beschwerden und Schmährufe aus Skandinavien nicht mehr unterdrücken ließen, die das ausdrückten, was viele Weihnachtsfanatiker in Deutschland und der Schweiz seit Langem monierten: Die aus Holland gelieferten Weihnachtskugeln schmeckten verflucht stark nach Tomate.
Gerüchte begannen die Runde zu machen, dass in der Nähe des Vierwaldstätten-Sees schon erste Experimente im Bereich der Salatzubereitung getätigt werden würden. Nun war endgültig der Zeitpunkt gekommen, an dem der gemeine Niederländer seine vorstehenden Zähne in den Wind halten und stark nachdenken musste. Sollte es wahrhaftig zum GAU kommen und der Küchenchef im Luzerner 'Hotel zur Post' versuchen, holländischen Kopfsalat und holländische Tomaten so zu mischen, dass ein schmackhafter Salat entstünde, wäre es das Ende der niederländischen Treibhauskunst, denn die so entstehende Pampe wäre zu gar nichts mehr zu gebrauchen? Kein Glasreiniger, keine Abdichtmasse und schon gar keine Staubwedel mehr. Der Geschmack musste aus den Tomaten raus. Und zwar sofort.
Ich glaube, wenn mich mein Gedächtnis nicht ganz im Stich lässt, dass es Gerrit de Boer aus Tilburg war, der zuerst dahinterkam, wie das leidige Problem zu lösen sei. Gerrit de Boer entfernte erst mal alles, was nach Erde roch, aussah oder schmeckte wie aus seinem Treibhaus. Dann flutete er seine Treibhaus-Bottiche mit Wasser, in das er Unmengen von chemisch aufbereiteten Granulat warf. Der Kopfsalat und die Tomaten, die daraus hervorgingen, waren an Geschmacklosigkeit nicht mehr zu übertreffen.
Somit ideale Voraussetzungen, um auf dem Weltmarkt wieder ganz neu durchzustarten. Dass dabei der Vorsprung, den sich das Schweizer Offiziersmesser im arabischen Raum bei der filigranen Beschneide-Technik herausgearbeitet hatte, nicht mehr aufzuholen war, störte die orangenen Treibhäusler wenig.
Hauptsache, kein gemischter Salat!
Der wieder einsetzende Wirtschaftsaufschwung machte nicht nur den arg gebeutelten Finanzminister froh, sondern auch Grietje Neibaur, die bei der Osterziehung der neu geschaffenen Treibhauslotterie eine Bahnreise nach Mexiko gewann. Noch wusste Grietje nicht, als sie auf dem Bahnhof von Enschede stand und aus dem Lautsprecher eine Stimme hörte: «Bitte zurücktreten auf Gleis 1. Es fährt ein der Triebwagen aus Hengelo, über Hamburg, St. Petersburg, Werchojansk, Uelen, Valdez, Kamloops, Portland, Sacramento, Tucson nach Hermosillo«, dass mit ihrer Rückkehr von dieser Reise ein ganz neues Kapitel in der niederländischen Agrarwirtschaft aufgeschlagen werden würde.
Und kaum hatte Frau Neibaur mexikanischen Boden unter den Holzpantinen, fielen ihr die großen Felder mit den hohen Grashalmen auf. Dies war nicht mehr Enschede mit seinen hochklappbaren Bürgersteigen, blitzblanken Regenrinnen und gepflegten Vorgärten. Ein Grashalm in dieser Höhe wäre dort unvorstellbar. Und wenn doch? Dann hat mit höchster Wahrscheinlichkeit der Eigentümer der Scholle sich schon vor Monaten für den kostenlosen Freitod in einer Amsterdamer Gracht entschieden und leider vergessen, die Vorgartenpflege testamentarisch zu regeln.
Hier dagegen, in diesem mittelamerikanischen Landstrich, schienen die Einwohner jenen Aufwuchs geradezu mit größter Sorgfalt zu pflegen. Immer wieder konnte Grietje Neibaur beobachten, wie die Einheimischen Blüten aus dieser Grassorte pflückten, sie sich unter die Nase hielten und sich anschließend hocherfreut auf die Schenkel klopften und dann mehr als zufrieden mit dem Kopf nickten. Gerade so, als hätte ihnen jemand verraten, dass ein spontaner Orgasmus auch eine ganz schön lustige Sache sei.
Noch lockerer in den Hüften wurde der gemeine Mexikaner, wenn er seinen Pflänzchen einen dickflüssigen Harz aus den Rippen quetschen konnte. Dann ging meist die Party erst richtig los und der Nachfahre der Azteken präsentierte sich als jener joviale Erdenbürger, den man im geputzten Europa aus dem Fernseher kennt – sofern er sich nicht mal wieder gegen schwer bewaffnete und schlecht agierende Schauspieler aus Nordamerika zur Wehr setzen muss.
Carmen Lopez, die Besitzerin der kleinen Pension in Hermosillo, in der Grietje während ihres Aufenthaltes wohnte, buk sogar handliche Plätzchen aus dem Gras, die sie dann am Nachmittag zum Verdauungs-Tequila reichte. Nach dem Genuss der ersten Kekse ließ unsere Holländerin sogleich ihre Holzschuhe unbeobachtet auf dem Dielenboden des Esszimmers von Frau Lopez stehen und legte sich flach. Spontan und ohne wirkliches Bewusstsein bettete sie sich einfach neben die robuste Handwerkskunst aus der Heimat.
Doch schon nach wenigen Tagen hatte Grietje ihren Kreislauf besser unter Kontrolle und notierte sich das Rezept für diesen köstlichen geistigen Abheber. Zwei Tage vor Ablauf ihres Gratis-Trips saß Grietje Neibaur bereits mit den einheimischen Grasexperten zusammen und fachsimpelte über verschiedene Anbaumöglichkeiten, Ernteaussichten und den durch raffinierte Kreuzungen zu steigernden THC-Gehalt.
Sie war in der Lage, 1a-Tüten zu bepacken und zu drehen, bei deren Genuss sich so manch Sombrero mit Karacho vom Kopf verabschiedete. Als der freundliche Schaffner das Ticket für die Rückreise nach Enschede abknipste, wusste Grietje Neibaur fünf Dosen mit feinsten mexikanischen Grassamen in ihrem Gepäck.
Genau ein Jahr später wurde die immer gut gelaunt und ausgeglichen wirkende Frau aus Enschede von der Königin in den 'Großen Rat der Tüchtigen' berufen. Das niederländische Volk hatte es tatsächlich mit Grietjes Fachwissen geschafft, innerhalb kürzester Zeit aus hoch wachsendem Gras astreinen Shit zu machen. Außerdem, und darüber freute sich die Königin am meisten, hatten ihre Untertanen plötzlich Tannenbäume bis zum Abwinken.
Und siehe da, auf einmal hatte kaum noch jemand Interesse an der Aufzucht von geschmacksneutralem Christbaum-Schmuck und giftig grünen Allzweckhelfern. Jetzt hatte jeder im flachen Land einen klimatisierten Keller und brauchte die sperrigen Treibhäuser nicht mehr. Was hatten sie getan? In ihren getarnten Dixi-Klos, ohne die sie nie die Grenzen des Flachlandes überqueren, hatten die Niederländer die Teile außer Landes geschafft und anderwärtig weltweit verspannt.
Christo und sein Reichstag. Dass ich nicht lache! Der könnte den Reichstag, das KaDeWE und den Bahnhof Zoo mit Bettlaken überziehen. Alles nichts gegen unsere Nachbarn am Ijsselmeer. Die haben die Welt zum globalen Treibhaus gemacht.
Wenn ich es doch sage!
Solche Effekte kann ein geklautes Treibhaus auf die ganze Welt haben. Das Teil muss eben nur in die richtigen Hände geraten.
Da mich meine weltbewegenden Gedanken eher zur unaufschiebbaren Erklärung des globalen Treibhauseffekts trieben, die den Niederländer als wahren Triebtäter entlarven, muss ich dem neugierig Fragenden seinen Wissenstrieb nun augenscheinlich austreiben, ihn bitten, sich beim Warten auf einen weiteren Motivationsschub, der mich dazu treiben könnte, mein alltägliches Treiben zu beschreiben oder die Zeit, möglicherweise triebhaft – also anders zu vertreiben.