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Im vierten Beitrag dieser Reihe zum Geldwesen gehe ich - reichlich spät - noch näher auf das im vorigen Beitrag vorgestellte Mises'sche Regressionstheorem als Erklärung für die Entstehung der Kaufkraft des Geldes - und damit auch gleich des Geldes an sich - ein. Durch Eröffnung einer weiteren Perspektive versuche ich das Thema deutlich verständlicher aufzubereiten.
Ich vermute, dass es bisher für die meisten meiner werten Leser, welche mit diesem Thema nicht vertraut sind, noch reichlich abstrakt und daher eher schwer verständlich geblieben ist. Der vorige Beitrag geriet eh schon sehr lang, so dass ich mich entschied, weitere Beiträge zu diesem sehr zentralen und wichtigen Teil der Geldtheorie zu machen, zumal hierzu noch viel zu sagen ist.
Von Mises löst den Zirkelschluss auf
Ich fasse hier das Exzerpt von von Mises und die darauf beruhenden Zitate aus dem vorigen Beitrag kurz zusammen. Von Mises konnte 1912 im Rahmen seiner Geldtheorie die bis dahin in der Ökonomik (Lehre von der Ökonomie, also dem Wirtschaften) offene Frage beantworten, woher die Kaufkraft des Geldes kommt. Bis dahin gab es nämlich einen höchst unbefriedigenden Zirkelschluss:
Geld hat deswegen Kaufkraft (= der Preis des Geldes in Waren und Dienstleistungen beim Tausch selbiger gegen Geld), weil es nachgefragt wird. Nachgefragt wird es deshalb, weil es Kaufkraft hat.
Von Mises entdeckte, dass die Kaufkraftzuweisung der Marktteilnehmer (= Tauschpartner) an das Geld eine Zeitkomponente hat, die auf der Erfahrung der Tauschpartner beruht. Die einzige und damit alternativlose Wissensquelle, die ihnen hier zur Verfügung steht, ist die Erfahrung, die darauf beruht, dass sie alle in der Vergangenheit bereits Geld benutzt haben und von daher wissen,
- dass es Kaufkraft hat
- wie hoch diese ist (beim einzelnen Marktteilnehmer jeweils zumindest hinsichtlich der Güter und/oder Dienstleistungen, die er bisher für Geld erworben oder gegen Geld hingegeben hat).
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Ein weiterer, verständlicherer Blickwinkel
Der besseren Verständlichkeit halber soll der Werdegang der Kaufkraft und damit des Geldes insgesamt nicht nur aus einer allgemeinen, gesamthistorischen, globalen und überindividuellen Warte und damit ziemlich abstrakt und schwer verständlich zur Sprache kommen. Aus diesem Blickwinkel kam es bereits im vorigen Beitrag in den Zitaten und Exzerpten zum Ausdruck.
Darum beleuchte ich diesen Werdegang ein weiteres Mal, diesmal heruntergebrochen auf den einzelnen Tauschenden in seiner konkreten alltäglichen Geldnutzung, im Grunde so, wie ich es im ersten und zweiten Beitrag dieser Reihe mit dem Zecher und den beiden Hausfrauen gemacht habe.
Dies sollte deutlich einleuchtender und verständlicher sein. Und es kann auch jeder auf sich selbst beziehen und mit seinen persönlichen Erfahrungen und Gedanken abgleichen. Ich gehe hier von meinen Erfahrungen aus.
Bei meiner ersten Anstellung 1990 nach der Lehre und dem Grundwehrdienst in einem Großhandelsunternehmen haben wir uns auf ein Gehalt von 2.600 DM brutto geeinigt. Aufgrund meiner zuvor gemachten zahlreichen Erfahrungen mit Geld und dessen Kaufkraft war ich in der Lage zu erkennen, dass dieser Tausch von einem Monat Vollzeitarbeit gegen 2.600 DM + "Arbeitgeberanteile" zur "Sozialversicherung" für mich sehr günstig war (zumindest vordergründig betrachtet, da ich den Passus mit der Nichtbezahlung von Überstunden nicht gebührend beachtet und eingeschätzt hatte).
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Der persönliche Regress
Nun begebe ich mich in meinen persönlichen Regress (Rückgriff, Rückkehr) - das Kernstück des Begriffs "Mises'sches Regressionstheorem" - hinsichtlich meiner auf Erfahrungen beruhenden Kaufkrafteinschätzungen des Geldes:
Meine Mutter schickte mich als Kind öfters mit dem Radl zum Dorfbäcker und -metzger und später auch in die Nachbargemeinde zum Supermarkt. Dadurch lernte ich, dass z. B. ein Zehnerl genug Kaufkraft hatte, um eine Standardsemmel einzutauschen und eine Mark genug war, um ein ziemlich dickes Radl gschmackigen Preßsack zu erstehen.
Im Lauf der Zeit wusste ich immer besser, was man für einen bestimmten Geldbetrag so alles bekommen konnte, was wo wieviel kostete und bemerkte auch Preisunterschiede für dieselben Waren in verschiedenen Läden. So konnte ich im Lauf der Zeit zwischen billig und teuer unterscheiden und konnte etwas als preiswert einschätzen.
So lernte ich z. B., dass es besser ist, zu warten, bis ich zum Supermarkt geschickt werde und mir dann dort statt beim Bäcker vom wenigen Geld die (heute noch) heißgeliebte Milka® Noisette im Angebot kaufe und damit ein Drittel spare.
Anders ausgedrückt hatte ich erkannt, dass bei diesem konkreten Produkt während der Gültigkeit des Sonderangebots achtzig Pfennig im Supermarkt die selbe Kaufkraft hatten wie eine Mark zwanzig beim Bäcker. Somit war die Kaufkraft meines Geldes dort um die Hälfte höher als beim Bäcker, da ich für zwei Mark vierzig drei Tafeln statt nur zwei kaufen (eintauschen) konnte.
Ich bemerkte natürlich auch, dass sich die Austauschverhältnisse allgemein änderten, sprich fast alles langsam, aber beständig teurer wurde, mithin also die Kaufkraft der einzelnen Geldeinheit langsam, aber beständig abnahm. So lernte ich auch die Inflation kennen. Und ich musste meine Kaufkrafteinschätzungen - billig, teuer, preiswert? - immer wieder nachjustieren.
Als kleinere Kinder haben wir uns manchmal für ein Zehnerl Kaugummis aus dem Automaten rausgelassen. Hier ein Bild, da wahrscheinlich viele Jungspunde sowas nicht mehr kennen: 😉
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Wir wussten also im zarten Alter von 6 oder 7 Jahren schon, dass Geld Kaufkraft hatte, und dass die Kaufkraft eines Zehnerls für den Tausch gegen ein paar kleine, kugelförmige, farbige Kaugummis reichte.
Nun bin ich bei meinem persönlichen Regress an der Frage angelangt, was bei mir der Anfang des Erkennens der Kaufkraft und in der Folge deren Einschätzung in den jeweiligen konkreten Einzelfällen war. Das weiß ich leider nicht, so wie das wohl niemand von sich genau weiß. Meine Vermutungen:
- Ich beobachtete irgendwann erstmals, dass meine Eltern Geld benutzt haben, z. B. um einem Hausierer etwas abzukaufen.
- Ich beobachtete irgendwann erstmals einen Spezl, wie er ein Zehnerl in den Automaten steckte und Kaugummis rausholte.
- Irgendwann war es erstmals an mir, einen Tausch mit Geld zu vollziehen, wahrscheinlich am Kaugummiautomaten.
- Dass es mir beim allerersten Mal die Kaugummis wert waren, einen Teil von meinem sehr wenigen Geld wegzugeben, lag wohl daran, dass ich das zuvor bei anderen, wohl auch älteren Kindern gesehen hatte und mir dachte, die werden schon wissen, dass es das wert ist, die sind ja nicht blöd.
- Irgendwann war es erstmals an mir, einen Tausch mit Geld zu vollziehen, wahrscheinlich am Kaugummiautomaten.
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Weiterführende Fragen und Schlussfolgerungen
Bei wem meiner werten Leser verlief das wesentlich und fundamental anders, dergestalt, dass er völlig andere Erkenntnisquellen und -werdegänge hatte?
Wenn sich nun herausstellt, dass mein persönlicher Regress auf alle meine Leser übertragbar ist, taucht noch die Frage auf, ob es jemanden auf Erden geben kann oder jemals in der Menschheitsgeschichte geben konnte, bei dem es wesentlich und fundamental anders verlief.
Wenn nicht, dann ist folgendes als
- alternativlos und
- denknotwendig
festzustellen:
Ausnahmslos jeder Mensch, der irgendwann feststellt, dass es Geld gibt und dass es von Mitmenschen benutzt wird, erkennt irgendwann, dass es dazu zwingend eine zu einem bestimmten Tauschzweck zum Tauschzeitpunkt bestimmte Kaufkraft haben muß.
Um sich selbst auch die eigenständige Nutzung des Geldes zu erschließen, muß er die zur hinreichenden Bestimmung der Kaufkraft in bestimmten Tauschsituationen nötigen Erfahrungen nach und nach sammeln.
Damit ist der persönliche Regress des einzelnen Geldnutzers gedanklich auf alle Menschen übertragen, die Geld und dessen Benutzung bereits vorfinden bzw. vorfanden. Noch nicht erklärt ist damit aus dem Blickwinkel der persönlichen Ebene im Rahmen des alltäglichen Lebens, wie das Geld und dessen Kaufkraft entstanden. Das ist Gegenstand des nächsten Beitrags.
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