Schul-Pflicht Teil 2
Schule ja - aber anders?
Meiner Meinung nach wird es dringend Zeit, sich grundlegende Gedanken zu unserem Bildungssystem zu machen. Seit Jahrzehnten wird an Konzepten, Lehrplänen und Ausbildungen/Studium herumgedoktort, statt sich von Grund auf einmal zu fragen, wie die Schule der Zukunft denn aussehen solle:
- Was brauchen die Kinder/Jugendliche im Zeitalter von Wikipedia, Google, Facebook und Co?
- Wie lernen sie am besten?
- Wie entwickeln sich Kinder ?
Der Philosoph Richard David Precht hat zum Thema Bildung ein Buch geschrieben mit dem bezeichnenden Untertitel:
"Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern"
In einem Interview führt er sinngemäß aus:
Wenn sich heutige Experten wie Entwicklungspsychologen, Kinderpsychologen und Lerntheoretiker zusammensetzen würden, um zu überlegen was man am besten mit Kindern von 6-18 Jahren machen kann
... und dann würden wir das erschaffen, das hätte mit 95% der heutigen Schulen vermutlich nichts mehr zu tun.
John Taylor Gatto - Dumbing us down
Das Interview ist bereits drei Jahre alt und kein Hahn kräht mehr danach. Seit 2009 gibt es bereits eine Übersetzung von dem provokativ-spannenden Aufklärungsbuch für Pädagogen des amerikanischen Lehrers John Taylor Gatto "Dumbing Us Down" - deutsch: "Verdummt noch mal!
Kritik an der Schule gibt es allerorten, eine Reform jagt die Nächste und wir sind immer noch an dem Punkt, dass die Kritik...
...fast nie zu der grundsätzlichen Überlegung führt, ob vielleicht mit dem System Schule insgesamt etwas nicht stimmt - und welche Gründe das haben könnte. Dagmar Neubronner in ihrem Vorwort zu Gattos Buch
Vera F. Birkenbihl findet in ihrer Einleitung zu Gattos Werk drastische Worte...
Als ich in einem Vortrag unter anderem die berühmten sieben "Gatto-Lektionen" (Kapitel 1) präsentierte, verteilten wir vorher "Kotztüten" (wie im Flugzeug) nach dem Motto: Es könnte einem schlecht werden, wenn man begreift, wie Regelschulen die Lernfähigkeit systematisch untergraben. Gatto bringt die Dinge auf den Punkt...
Es geht um unser Denken
Es wird Zeit, die richtigen Fragen zu stellen und Visionen zu entwickeln. Dabei dürfen wir uns nicht ablenken lassen von den üblichen Einwänden wie:
- "Ja, aber, wer soll das denn bezahlen?"
- "Die Welt funktioniert nun einmal so."
- "Wir waren doch alle in der Schule und haben es überstanden."
- "Was kann ich schon tun? Die da oben entscheiden doch alles."
- "Unsere Welt ist komplex und das müssen Kinder in der Schule erfahren."
- "Wenn mein Kind auf eine alternative Schule geht, wird es ein Außenseiter und kann auch nie bruflich erfolgreich sein."
- "Willst du denn etwa, dass die Frauen wieder zurück an den Herd sollen?!"
Ich kenne alle diese Aussagen zur Genüge. Lassen wir die jetzt einfach einmal außen vor und beginnen ganz "unten" bzw. radikal ganz von vorn. Wenn wir 95% neu erschaffen müssten (laut R. Precht), dann macht es wenig Sinn, das alte System immer wieder zu verbessern. Bei einem realen Gebäude würde jeder für Abriss plädieren statt jahrelanger Flickschusterei.
Neue Wege und Ideen - auf welcher Grundlage?
Es ist sinnvoll, auf das Positive zu blicken, weil dadurch Raum für Neues entstehen kann. Einige Experten, Lehrer und Familien gehen bereits andere (individuelle) Wege. (Freilernen, auswandern, neue Schulkonzepte) - dies sind Wege innerhalb des Systems.
Ich möchte aber tiefer buddeln - zum Wohle der Kinder. Wir Erwachsenen treffen die Entscheidungen für die Kinder, was für sie gut ist, wie dies an sie heran getragen wird und welches Schulsystem das Richtige ist. Dies ist eine große Verantwortung. Aber wissen wir denn wirklich, was Kinder brauchen? Zur Zeit habe ich den Eindruck, dass wir uns die Kinder passend machen, weil unsere Gesellschaft sonst nicht funktionieren kann. Wir brauchen inzwischen berufstätige Mütter....
Wie wäre es denn zunächst schon einmal mit der Änderung von Schulpflicht in Bildungspflicht, wie es zum Beispiel in Frankreich oder der Schweiz gehandhabt wird, weshalb immer wieder deutsche Familien diesen Weg ins Auslang nutzen (müssen)? Ich erinnere an dieser Stelle an den lesenswerten mehrteiligen Erfahrungsbericht von - Die Flucht - die dunklen Jahre
Das Bildungssystem an sich in Frage stellen
Wir lassen alle Wenns und Abers außer Acht und kümmern uns um die Grundlagen aus Sicht des Kindeswohls. So als hätten wir alle Macht und alles Geld der Welt, um Visionen zu kreieren und umzusetzen.
Think big!
Erst dann können wir losgehen und Gleichgesinnte finden für neue Lösungen. Mit einem Idealbild für gesundes Großwerden unserer Kinder stecken wir andere an und holen sie ins Boot. Reformen oder Ähnliches haben an dieser Stelle noch keinen Platz. Es ist wichtig, vorher zu wissen, wo die Reise hingehen soll. Vielleicht wird es gar keine Institution/Schule mehr brauchen?
Denke über Tellerränder hinweg
Alle Erfindungen brauchen einen offenen Blick und vorurteilsfreies Denken. Nur so kann es wirkliche Innovationen geben. Warum nicht auch im Bildungswesen? Mag es Jahrzehnte dauern - auch ein Kilometer beginnt mit dem ersten Schritt. Vielleicht ist die Zeit jetzt reif - vor 10 Jahren war dies noch nicht der Fall.
Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer. Antoine de Saint-Exupéry